„Wir haben ‚Nein‘ gesagt in Deutschland und das ist es, was sie über uns erzählen sollen.“ (Michele Montagano) – Erinnerung an die italienischen Militärinternierten in Hamburg
Am 8. September 2023 jährt sich zum 80. Mal die Verkündung des italienischen Waffenstillstands mit den Alliierten. Italien schied aus dem langjährigen Bündnis mit NS-Deutschland aus und die Wehrmacht nahm in kurzer Zeit hunderttausende italienische Soldaten gefangen.
Wer sich weigerte, weiter an deutscher Seite zu kämpfen und NEIN sagte, wurde als „Verräter“ bezeichnet und zur Zwangsarbeit, vor allem nach Deutschland, abtransportiert. Die NS-Führung erklärte diese rund 650.000 Männer von Kriegsgefangenen zu sogenannten Militärinternierten (IMI). Dadurch verloren sie den völkerrechtlichen Schutz und die Unterstützung des Internationalen Roten Kreuzes für Kriegsgefangene und ihr Einsatz in der Rüstungsindustrie wurde möglich.
Über die Kriegsgefangenlager der Wehrmacht, in Norddeutschland beispielsweise über Sandbostel, wurden die IMI auf die Arbeitskommandos in den Unternehmen verteilt. Ab September 1944 wurden sie dann – meist zwangsweise – in den Status von Zivilarbeitern überführt. Die IMI, von den Deutschen als „Verräter“ angesehen, wurden in den Lagern und den Betrieben oft besonders schlecht behandelt: ihre Lebensbedingungen waren von Zwangsarbeit, Hunger, unzulänglicher Unterbringung und medizinischer Versorgung sowie Demütigungen und Misshandlungen bis hin zu gezielten Mordaktionen gekennzeichnet. Tausende italienische Soldaten wurden zudem nicht in Kriegsgefangenlager (Stalag oder Oflag), sondern in Konzentrationslager eingeliefert.
In Hamburg waren es rund 15.000 IMI, die von über 600 städtischen und privaten Unternehmen ausgebeutet wurden. Auch Strom- und Hafenbau (heute Hamburg Port Authority) profitierte von NS-Zwangsarbeit und setzte 124 italienische Militärinternierte ein. In Deutschland wurde an die italienischen Militärinternierten lange nicht erinnert. Eine Entschädigung für Gefangenschaft und Zwangsarbeit haben die Überlebenden bis heute nicht erhalten.
Der 8. September 1943 war für diejenigen italienischen Soldaten, die sich einer Kollaboration verweigerten, der Beginn einer Odyssee durch die deutschen Lager. Etwa 60.000 Militärinternierte überlebten die Gefangennahme bzw. Gefangenschaft nicht. An den 80. Jahrestag des italienischen Waffenstillstands zu erinnern, bedeutet, an ihre mutige Tat zu erinnern. Ihr Widerstand ohne Waffen zeigt, dass es auch in dunklen Zeiten möglich ist, zu widerstehen.
Wir rufen zu einer Kundgebung am
Freitag, den 8. September 2023 um 18h vor dem
Hotel Hafenamt, Osakaallee 12/14 in der Hafencity
auf.
Unterstützer:innen: Projektgruppe italienische Militärinternierte Hamburg, ANEI (Rom/Italien), Dr. Nils Weiland, SPD-Vorsitzender Hamburg, Christiane Schneider (ehemalige Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft und Mitglied des Hamburger Bündnis gegen Rechts), Prof. Dr. Detlef Garbe (ehem. Gründungsvorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte), Gerd Siebecke (VSA-Verlag), Silke Mertens (Personalratsvorsitzender HPA), Lars Stubbe (ver.di-Gewerkschaftssekretär Hafen Hamburg), Martin Reiter und Aline Zieher (Kurt und Herma Römer Stiftung), Susanne Kondoch-Klockow (Auschwitz-Komitee), Wolfgang Kopitzsch (Historiker, Vorsitzender im Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten), Bodo Hass (stellvertretender GEW-Vorsitzender Hamburg), Conny Kerth (VVN/BdA), AK Distomo, Initiative Dessauer Ufer, AGN, Hanno Billerbeck (Kirchliche Gedenkstättenarbeit an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme), Paul Scholz (Netzwerk Erinnerungsarbeit), Holger Scholze (Will-Bredel-Gesellschaft), Norbert Hackbusch (Abgeordneter Hamburgische Bürgerschaft, Fraktion die LINKE), Sabine Ritter (Landessprecher Die LINKE Hamburg), Doris Heinemann- Brooks (Mitglied ver.di Gewerkschaftsrat und ehemalige PR-Vorsitzende HPA), Stefan Romey (Vorstandsvorsitzender Hamburger Stiftung Hilfe für NS-Verfolgte).