Auf der Suche nach Unterlagen zu Adriano Alemanno im Staatsarchiv

Fast drei Jahre lang bemühte sich Maria Grazia Alemanno, etwas über ihren Vater, Adriano Alemanno, einen italienischen Militärinternierten (IMI), in Hamburg in Erfahrung zu bringen. Wieso die Stadt Hamburg, d.h. das Staatsarchiv keine Informationen über ihn bereitstellen konnte, kann sie nur schwer verstehen. Auf Adriano Alemannos Personalkarte- ausgestellt von der Wehrmachtsverwaltung, verwahrt im Bundesarchiv- war vermerkt, dass er mit Datum vom 6. Februar 1945 „zum Arbeitsamt Hamburg entlassen“ wurde. Wo war er untergebracht, wo musste er arbeiten? Im September 2023 ist Maria Grazia Alemanno in Hamburg zu Besuch.

Es war es ein reiner Zufall, dass im Rahmen einer unserer Recherchen im Staatsarchiv zur Straße „Großen Allee“ (Innenstadt) und zur „Schule Allee“ (Altona), die Hausmeldekartei für die “Große Allee” gefunden wurde. Unter den 479 Namen in der Kartei befand sich auch Adriano Alemanno.

Susanne Wald von der „Projektgruppe italienische Militärinternierte Hamburg 1943-45“ erinnert sich an die Anfrage von Maria Grazia Alemanno. Sie wollte wissen, ob es in Hamburg Informationen über den italienischen Militärinternierten  Adriano Alemanno gebe. „Das Staatsarchiv Hamburg half Maria Grazia Alemanno nicht, da es bis heute dort weder eine alphabetische Aufstellung der Namen ehemaliger Zwangsarbeiter:innen in Hamburg noch eine Übersicht über die möglichen Fundstellen im Archivgibt“.    

Sperrvermerk: “ … bis 206O

„Bis heute liegen 70 laufende Meter unbearbeiteter Unterlagen des Hamburger Arbeitsamts  im Staatsarchiv, darunter auch die Unterlagen bis 1945“, so Wald weiter. „Wenn man sich vorstellt, das viele NS-Zwangsarbeiter:innen damals dem Arbeitsamt gemeldet wurden, könnte hier eine sehr wichtige Quelle zur Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit in Hamburg liegen, “ Es ist wirklich an der Zeit, die für die Erschließung dieser Quellen benötigten Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Auf die Anfrage von Maria Grazia Alemanno hatte das Staatsarchiv ihr geschrieben, sie solle sich um professionelle Unterstützung durch einen Recherchedienst bemühen, der beispielsweise nach den Hausmeldekarteien suchen könnten: ”Aufgrund der Vielzahl der Lager, in denen Zwangsarbeiter untergebracht waren, ist eine Recherche in den nach Adressen geordneten Hausmeldekarteien mit vertretbarem Arbeitsaufwand nur möglich, wenn bereits ein konkretes Lager benannt werden kann, in dem die gesuchte Person untergebracht war. … Bitte haben Sie Verständnis, dass eine generelle Recherche in den Hausmeldekarteien aller Lager durch Mitarbeiter des Staatsarchivs im Rahmen unseres Dienstbetriebes nicht durchgeführt werden kann.” Susanne Wald: „Wo sollen denn Angehörige von NS-Opfern, die zudem oftmals kein Deutsch sprechen, suchen,  wenn sie noch nicht einmal wissen, in welchem der vielen Lager ihre Väter oder Großväter in Hamburg untergebracht waren?“  Zudem gebe es eine Sperrfrist bei den Verzeichnissen zum 31. Dezember 2028, so Wald weiter- „So kann man doch nicht mit Menschen umgehen, deren Angehörige nach Deutschland verschleppt und hier als Zwangsarbeiter:innen eingesetzt wurden.”

Was könnte man tun? Es gab um die Jahrtausendwende eine Senatsentscheidung, sie alle zu dokumentieren. In einem ersten Anlauf seien 20.000 Namen erfasst worden, aber die sind öffentlich nicht zugänglich. “Als ‘Projektgruppe italienische Militärinternierte Hamburg’ haben wir bis heute alleine fast 15.000 Namen der IMI herausgefunden. Sie befinden sich alle auf unserer Web-Seite.”

Aus den Stellungnahmen des Senats zum Prozess der Digitalisierung der NS-Zwangsarbeiter-Namen, Wahlperiode 1997-2001

„Die Stadt Hamburg sollte endlich damit beginnen die Namen sämtlicher NS-Zwangarbeiter:innen systematisch digital zu erfassen, sowie weitere Quellen erschließen und nutzbar machen, sodass zukünftige Anfragen von Angehörigen  ehemaliger Zwangsarbeiter:innen auch vom Staatsarchiv selbst beantwortbar sind. 

Darüber hinaus ist die Einrichtung eines zentralen Dokumentationszentrums zur NS-Zwangsarbeit in Hamburg anzustreben, denn alleine in Hamburg wurden etwa 500.000 Zwangsarbeiter:innen ausgebeutet. Angesichts der Tatsache, dass die Stadt Hamburg, ihre Unternehmen und die Bevölkerung allesamt vom Verbrechen der NS-Zwangsarbeit profitiert haben, ist die Schaffung eines solchen Dokumentationsortes mehr als überfällig.“

(Quelle: Ausstellung NS-Zwangsarbeits-Archiv in Berlin)

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