So. 14. November 1943
Wie für Graf Ugolino die Mauern des Ubaldi-Turms das Symbol der Angst waren (er bezieht sich auf Ruggieri degli Ubaldini, den Erzbischof von Pisa, der den Grafen Ugolino im Jahr 1289 in einen Turm einsperren ließ und ihn so zum Hungertod verurteilte), so sind es für mich diese Mauern des Schutzraums, die mich beklemmen. Am Sonntag, an dem es einem etwas besser gehen sollte, so wie gewöhnlich bei uns zu Hause, ist der Hunger schlimmer als an Werktagen. Ich fasse daher kurz zusammen, dass der Hunger heute schrecklich war. Wie soll ein Mensch mit zehn Kartoffeln, einem kleinen Blechnapf Brühe, einem Stück Brot und einem Löffel Marmelade leben? Es ist besser, nicht darüber zu sprechen,

Auszug aus der 73 Italiener umfassenden „Lagerliste Kaltehofe“, die dem „Personalverzeichnis Kaltehofe“ der Hamburger Wasser- werke beigelegen hatte. (Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe)
aber dies sind die Themen des Tages: das, was jeder von uns Hungern- den morgen bei der Rückkehr tun wird, das, was uns sättigen und uns den Hunger stillen wird, der uns hässlich macht, der uns weder Ruhe noch Frieden gibt, und mit diesem Hunger regelmäßig arbeiten, trotz der nördlichen Kälte, die es gibt und weiterhin geben wird. Aber wie der heutige Tag wird, weiß ich nicht, denn sie sind nie gleich. Ich habe wieder um eine Untersuchung wegen meines Fußes gebeten und zwei Tage Stubendienst bekommen. Aber um am Mittag einen gesegneten Teller Gemüsesuppe zu erhalten, gehe ich trotzdem zur Arbeit raus. Die Stimmung ist nicht so schlecht.
Mo. 15. November 1943
Der heutige Tag war das genaue Gegenteil von gestern. Wie beschlos- sen, gelang es mir, trotz des Ruhetags zu arbeiten. Sie hielten mich beim Werk an, an der Stelle, wo die Arbeit im Sand fortgesetzt wurde, und dort wies man mich der Küche zu. Sie besorgten uns das Not- wendige fürs Mittagessen. Ich habe alles Mögliche gegessen, in Asche
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geröstete Kartoffeln neben einer reichhaltigen Portion über die hinaus, die mir zustand – einige Kartoffeln, die ich heimlich ins Quartier mit- nahm. Um das Maß vollzumachen, verdiente ich einen halben Brotlaib im Tausch gegen einen Federhalter. Ich ging also schlafen, nachdem ich das letzte Essen verzehrt hatte, gesättigt, ein Rest Brot für morgen früh. Regnerisches Wetter. Stimmung nicht so schlecht.
Di. 16. November 1943
Auch heute war der Tag sehr gut. Ich habe auch heute in der Küche Kartoffeln geschält und ja, ich habe nicht so wie gestern gegessen. Die Kälte nimmt zu und das Wetter ist regnerisch.
Mi. 17. November 1943
Ich bin weiterhin in der Küche beschäftigt und habe auch heute viel ge- gessen und außerdem heute Abend eine Gemüsesuppe zu viert gekocht. Habe einen Franzosen zum Handeln mit dem Silberring gefunden, der mir dafür zehn Zigaretten und ein Kilo Brot gab. Letzteres passt sehr, da die uns zustehende Ration von eineinhalb Kilo für fünf Personen
ab heute auf sechs Personen aufgeteilt wurde. Es verschlechtert sich, anstatt besser zu werden. Mit dem Schwarzmarkt, den wir mit anderen Gefangenen und zivilen Internierten unterhalten, kommen wir zum Glück zurecht. Heute Morgen begann es stark zu schneien, und es ist sehr kalt.
Do. 18. November 1943
Während der Nacht hat es nicht geschneit, und heute ist das Wetter immer noch unbeständig, aber dennoch schön. Die Zeit in der Küche ist vorbei. Seit heute Morgen arbeite ich in der Werkstatt bei der Monta- ge von Maschinen, immer noch im selben Betrieb. Bei der Arbeit ist
es nicht sehr sauber, aber es ist – nah an einem Ofen – ein bisschen warm. Ich führe so mein Leben in der Gefangenschaft weiter fort, stets in der Hoffnung, dass sie bald enden muss. Der Hunger ist immer groß, und der Brotlaib, den ich mit dem Ring erhandelt habe, ist bald aufge- braucht. Wir haben von der Brotrationierung erfahren, weil sie mehr
als die zustehenden Rationen entnommen hatten, und jetzt muss man die bis gestern vom Kommando57 betrogenen Rationen abbüßen.
Um 21 Uhr und etwa 23.30 Uhr ist die Flugabwehr der Stadt groß in Aktion getreten. Aus Bremen, sagt man, wurde jedoch kein Bombarde- ment gemeldet.