„Es wird kälter“

Fr. 3. Dezember 1943

Die Kälte ist intensiver geworden und der angestaute Hunger wird jeden Tag größer. Heute Abend bei der Rückkehr habe ich die wenigen Kartoffeln aufgegessen, die ich für Samstag und Sonntag aufbewahren wollte, Tage, an denen es die Suppe, die uns die Firma während der Arbeitstage austeilt, nicht gibt, sondern nur die einzige Mahlzeit, die die deutschen Befehlshaber ausgeben. Erinnerungswürdige Worte sind die folgenden, die ein Feldwebel der deutschen Armee zu einem armen Kerl, der wirklich nicht laufen kann und der infolgedessen in der Unter- kunft geblieben war, sagte, nachdem er ihm zwei Ohrfeigen und einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasst hatte: dass es von uns Italiener in diesem Zustand neun Millionen gebe, und daher, wenn jemand kre- piert, dies bezüglich der Anzahl nicht auffalle, ein weiterer Beweis von Humanität und Anstand. Die Arbeit läuft weiter gut. Zurzeit wird an der Ausbesserung einer zweiten Drehbank weitergemacht. In der Werkstatt läuft den ganzen Tag über ein leistungsfähiger Kohleofen.

Sa. 4. Dezember 1943

Die Temperatur fällt jeden Tag tiefer unter null. Um heute Morgen die Fabrik zu erreichen, und heute um 13 Uhr bei der Rückkehr, hatten wir einen ziemlich beschwerlichen Weg wegen des dichten, gefrorenen Nebels auf der Straße. Einige Stürze in den Reihen von uns armen, starr vor Kälte gewordenen Teufeln blieben nicht aus. Wie jeden Samstag, wenn uns das Unternehmen nichts zu essen gibt, habe ich sehr wenig getan, dafür habe ich mir einige Kartoffeln für heute und morgen be- schafft, und sie haben uns etwas Soda und Seife ausgeteilt. Aber für die erhofften Zigaretten lassen sie uns bis Montag zappeln. Heute Abend gab es einen anderthalbstündigen Fliegeralarm, ich habe ihn jedoch nicht gehört, außer heute Morgen vor Tagesanbruch das Jagdflugzeug oder besser gesagt den Lärm der deutschen Flieger auf Aufklärungs- flug. Stimmung nicht schlecht. Nach Hause werden wir schreiben, wenn wir die Personalien wiedererhalten, die in Berlin während der letzten

heftigen Bombardierungen zerstört wurden. Das hat uns heute Abend zumindest der deutsche Gefreite erzählt, der uns befehligt. Ob das aber reine Ausreden sind, um uns die liebsten Dinge vorzuenthalten, weiß ich nicht.

So. 5. Dezember 1943

Die heutige schwierige Lage erlaubt es uns nur, an den Faktor Essen zu denken, den ich in dieser letzten Zeit öfter erwähnt habe, alle anderen Dinge, sogar die Familie, rücken in den Hintergrund. Es ist keine Ver- gesslichkeit oder Lustlosigkeit oder was auch immer, sondern einfach Angst vor dem Morgen, das sich immer schwieriger und mühsamer vor uns auftut. Das ist unser aller Leben, es ist ein Gefühl von allgemeinem Egoismus, den wir alle haben, den wir alle haben müssen, wenn wir ein wenig unbeschwert leben wollen. Da ich heute am Sonntag frei habe, nutzte ich den Tag zum ersten Mal, wie viele andere es tun, zu einem Erkundungsgang in den Ruinen der umliegenden Gebäude. Die Toten, die man während dieser Unternehmung sieht, wie schon geschehen, beeindrucken nicht mehr. Die Tour war kurz und völlig zufriedenstel- lend, denn ich fand etwas Käse, ein verbranntes, aber essbares Brot und etwas Fett und Dosen mit gesalzenem Fisch, hervorragend zum Würzen von Gemüse und Suppen. Ich kann auch sagen, dass ich ohne Hunger schlafen gegangen bin, da alle Lebensmittel von gestern Nachmittag verschlungen worden sind. Die Zigaretten sind für morgen versprochen – so kann einer, wenn er krank ist, verrecken. Heute Morgen wollte unser Kommandant uns während des Putzens der Räume marschieren und zum Schluss rennen sehen. Wir haben ihn auch damit zufrieden- gestellt, damit er uns nicht zu arg auf den Wecker geht. Bewölktes und kaltes Wetter, Stimmung nicht schlecht. Keine Voralarme.

Fr. 17. Dezember 1943

Ein schwarzer Tag in jeder Hinsicht. Der Hunger stieg ins Unermess- liche, wie man zu sagen pflegt, und die Kälte sank auf einen Stand mit Minusgraden. Wir essen wieder nur einmal am Tag, wie in der ersten Zeit. Das, was man empfindet, ist unbeschreiblich; man würde verrückt werden, wenn man nur daran denkt, zum Glück habe ich immer eine gute feste Stelle, und also hoffe ich, sie bis zum Ende dieses armseligen Lebens zu behalten. Heute gab er mir Wertmarken für anderthalb Kilo Brot, aber sie sind schon seit einigen Tagen abgelaufen, mein Chef hät- te besser daran getan, sie mir nicht einmal zu zeigen, zumindest hätte er sich erspart, mich zu enttäuschen. Aber es scheint, dass sie Spaß daran haben, uns leiden zu sehen, und man kann nicht viel sagen, sonst sagen sie zu uns, wir sollen für Mussolini kämpfen gehen. Man muss so viel Kraft und Ergebenheit haben und versuchen, nie den Mut zu ver- lieren, immer auf den heiligen Gott vertrauen und beten, besonders in diesen Tagen der Novene61, damit sie zu einem guten Weihnachtsfest führen können, auch für unsere Lieben. Nur der Erlöser wird uns helfen.

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