170 Standorte gefunden, wo aus Sportplätzen Zwangsarbeitslager in der NS-Zeit wurden

Bastian Satthoff sitzt am 4. September 2024 für das Projekt „Von einem Ort des Jubels zu einem Ort des Unrechts“ im Podium der Diskussionsveranstaltung in den Räumen des ETV Hamburg zum Thema „Zwangsarbeit und Sportstätten“. Was das Projekt ist und was das Ziel sein, darüber haben wir mit ihm gesprochen.

Frage: Lieber Bastian, euer Projekt „Von einem Ort des Jubels zu einem Ort des Unrechts – Zwangsarbeitslager auf Fußball- und Sportplätzen“ beteiligt sich an der Kundgebung am 6. September 2024, um an die italienischen Militärinternierten zu erinnern, die hier als Zwangsarbeiter leben mussten. Sag doch mal etwas zu eurem Projekt.

Antwort: Wir sind ein von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gefördertes partizipatives Projekt. Im Kern geht es um Fußball- und Sportplätze, die während des Nationalsozialismus als Standorte für Zwangsarbeitslager umgenutzt wurden. Diese Standorte sollen in Österreich und Deutschland gemeinsam mit interessierten Menschen zusammengetragen werden und Ende des Jahres auf einer Homepage gesammelt präsentiert werden. Über die auf der interaktiven Karte klickbaren Standorte erhält man dann auch zusätzliche Infos und soweit vorhanden auch zusätzliches Material zu den verschiedenen Standorten. Bisher sind bereits über 170 solcher Standorte zusammengekommen und wir gehen davon aus, dass es noch lange nicht alle sind.

Frage: Ihr habt euch zum Ziel gesetzt, eine interaktive Karte ins Netz zu erstellen, in dem die Sportorte sichtbar gemacht, auf denen die Nazis Zwangsarbeitslager errichtet wurden. Arbeitet ihr bei diesem Projekt mit anderen zusammen?

Antwort: Ja, wir haben von Beginn an versucht, mit verschiedenen Gruppen zusammenzuarbeiten. Um Fangruppierungen zu erreichen, mit denen wir vor allem zusammenarbeiten wollten, haben wir unser Projekt beispielsweise den Fanprojekten vorgestellt, die soziale Arbeit mit Fußballfans machen. Wir sind aber auch auf Fangruppen zugegangen, die für ihre Arbeit im erinnerungskulturellen Bereich bekannt sind, denn wir sind mit dem Projekt ja auch nicht die ersten, die zum Zusammenhang zwischen Zwangsarbeit und Fußball arbeiten. Neu ist allerdings die Betrachtung der Sportplätze, das hat systematisch bisher noch nicht stattgefunden.

Wir sind parallel dabei Bildungsmaterialien zu erarbeiten, mit denen die Karte für verschiedene Formate nutzbar gemacht werden soll – auch hier sind wir auf Kooperationspartner*innen angewiesen, die Lust haben, die Karte künftig in der Jugendarbeit, der sozialen Arbeit oder für Bildungsangebote zu nutzen.

Frage: Wenn ich auf meine Kontakte zu Sportvereinen in Hamburg schaue, in deren Sportorte Zwangsarbeiter:innen leben mussten, so kann ich nicht davon sprechen, umarmt zu werden. Außer den beiden Fußball- Bundesliga-Vereine heißt es vor allem, wir wollen Sport machen, keine Politik. Mich würde interessieren, wie die Vereine reagieren, wenn ihr mit denen in Kontakt tretet? Erfolgt das zusammen mit Fangruppen?

Antwort: Es ist immer einfacher, wenn aus der Basis der Fußballvereine heraus Interesse an solchen Themen bekundet wird, also durch Fans und Mitglieder. Bei den Amateurvereinen ist es natürlich auch immer eine Frage der Kapazitäten, die Verantwortlichen dort sind häufig mit dem operativen Geschäft bereits ziemlich ausgelastet. Es gibt aber auch die Vereine, die großes Interesse zeigen und den Mehrwert für den eigenen Verein sehen, sich mit der Geschichte des Vereins zu befassen und im Falle unseres Projektes mit der Geschichte des eigenen Platzes. Mit Sicherheit ist hier noch ein Stück zu gehen, aber mit einigen Vereinen ist bereits ein guter Anfang gemacht auf dem sich aufbauen lässt!

Frage: Die meisten Sportplätze der Vereine dürften damals wie heute in öffentlicher Hand gewesen sein. Kommt ihr mit der Kommune ins Gespräch und unterstützt sie euch in der Zusammenarbeit mit den Vereinen?

Antwort: Da unser Projekt vor allem einen partizipativen Charakter hat, zielen wir vor allem auf die Mitarbeit von Menschen, die sich in Vereinen, Fanszenen oder anderen zivilgesellschaftlichen Kontexten engagieren. Wie bei den Vereinen auch, haben sich bei uns aber auch Menschen proaktiv gemeldet, die in kommunalen Stellen arbeiten und die Interesse an unserem Projekt hatten.

Frage: Ergibt sich aus den Gesprächen mit den Vereinen, Fanprojekten und Akteuren:innen aus der Zivilgesellschaft, dass  vor Ort sich etwas verändert im Umgang mit der NS-Geschichte?

Antwort: Die erste konkrete Folge ist, dass das Thema überhaupt erst auf die Agenda kommt. Auch in Vereinen oder Fanszenen, die sich bereits mit der Geschichte ihres Bezugsvereines befasst haben, ist die Geschichte des Sportplatzes häufig bisher unbeachtet geblieben. Es ist außerdem an verschiedenen Orten geplant auch Erinnerungszeichen an den Plätzen aufzustellen. Personen und Vereinen, die Interesse haben, sich mit der Geschichte ihres Platzes auseinanderzusetzen oder die ein solches Erinnerungszeichen aufstellen wollen, können sich gerne bei uns melden, wir unterstützen hierbei gerne!

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