Am 4. September 2024 findet in den Räumen des ETV eine Podiumsdiskussion zu „Sportstätten und Zwangsarbeit“ um 19 Uhr in der Bundesstraße 96 statt. Das Gespräch wird von Paula Scholz und Jakob Ketels moderiert. Beide sind Teil des „Netzwerk Erinnerungsarbeit“, welches Erinnerungs- und Antidiskriminierungsarbeit im Fußball macht. Unter anderem auf ihre Initiative ging es zurück, dass 2024 an die italienischen Militärinternierten auf dem Sportplatz an der (Max-Brauer-)Allee mit einer Kundgebung erinnert wird. Mit sehr viel Feingefühl und einer sauberen Argumentation wurde der Dialog mit dem Sportverein aufgebaut. Wer sie sind, wie sie arbeiten und was ihnen in der erinnerungspolitischen Debatte im Sport wichtig ist, erzählt Paula Scholz im Gespräch. Sie organisiert die Veranstaltung als Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Mit Bastian Satthoff hatte es bereits ein Gespräch über ihr Projekt gegeben. Er sitzt ebenfalls am 4. September 2024 im Podium. Mit Bastian Satthof hatte es bereits ein Gespräch über ihr Projekt gegeben. Er sitzt ebenfalls am 4. September 2024 im Podium.

Zusammen mit Jakob Ketels moderierst du die Podiumsdiskussion am 4. September 2024 in den Räumen des ETV zum Thema „Zwangsarbeit und Sportstätten“. Bei dir und Jakob steht in Klammern zu euren Namen „Netzwerk Erinnerungsarbeit“. Was genau ist das?
Das Netzwerk Erinnerungsarbeit ist ein Zusammenschluss aus HSV-Fans, die Erinnerungs- und Antidiskriminierungsarbeit beim HSV machen. Konkret heißt das, dass wir versuchen kritisch auf die Geschichte des Vereins und seinen Fans zu schauen und durch verschiedene Projekte unterschiedliche Leute aus Verein und Fanszene zu motivieren, sich mit Diskriminierung im Stadion auseinanderzusetzen. Letztes Jahr haben wir dann eine größere Podcast-Folge zum ThemaZwangsarbeit und Fußball gemacht und unseren Blick dabeiunter anderem auf italienische Militärinternierte geworfen. Sogenannte IMIs waren ab 1944 auch in der Tribüne des ehemaligen Altonaer Stadions (heute Volksparkstadion) untergebracht.
Als Fan-Vereinigung wollt ihr den Bezug in dem HSV unterstützen, die eigene Vereinsgeschichte in der NS-Zeit weiterhin im Blick zu behalten und sucht nach Zugängen zum Thema in der Gegenwart. Seid ihr mit eurer Haltung in den Fan-Gruppen isoliert?
Ein Großteil der Hamburger Fans äußert sich entweder politisch gar nicht oder positioniert sich gegen rechts. Wir haben projektbezogen schon mit verschiedenen Gruppen und Fanclubs zusammengearbeitet. Es gibt sicherlich auch einige, die mit unserer Arbeit wenig anfangen können oder uns vorwerfen, wir würden „Politik in Stadion bringen“, aber offen angefeindet werden wir nicht und isoliert fühlen wir uns auch nicht.
In der Diskussion mit Hafenarbeitern über die Erinnerung an NS-Zwangsarbeiter in dem Unternehmen, in dem sie beschäftigt sind, wurden mir entgegengehalten, dass doch irgendwann mal Schluss sein muss mit der Erinnerung an die NS-Zeit. Immer hält man uns das Bild vom bösen Deutschen vor. Wie diskutiert ihr das Thema unter den unterschiedlichen Fangruppen?
Von dem Argument des „unpolitischen Fußballs“ habe ich eben schon gesprochen, das ist bis heute in vielen Teilen noch sehr wirksam. Dabei war der Fußball nie unpolitisch und kann es auch gar nicht sein, weil ein Ort, bei dem so viele Menschen zusammenkommen und gemeinsam genau dieses Zusammenkommen aushandeln, immer auch ein politischer Ort ist. Innerhalb der aktiven Fans gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wie niedrigschwellig die Angebote sein sollen und welche Themen „zu weit“ gehen. Manchmal sind das Widerstände in nett verpackt, manchmal aber auch ein total sinnvoller Austausch über die beste Ansprache.
Das Thema der Podiumsdiskussion ist „Zwangsarbeit und Sportstätten“. Wäre es nicht wichtiger, dass die Sportvereine, soweit sie nicht Bundesliga-Vereine sind oder so große Vereine wie der ETV, dass sie sich mit ihrer NS-Geschichte befassen?
Ich würde sagen, dass jede Beschäftigung damit wichtig ist. Die Frage ist eher, wie wir die Zugänge so gestalten, dass sich möglichst verschiedene Leute davon abgeholt fühlen. Bei Vereinen wie dem HSV mit einem eigenen Museum und Archiv sowie Mitarbeiter*innen, die dazu arbeiten, sind die Ressourcen natürlich sehr viel höher als bei einem Amateurverein ohne Archiv und mit viel weniger personellen Kapazitäten. Die Sportstätten gehören für mich ganz eng mit den Vereinen zusammen, die heute dort spielen oder damals dort gespielt haben.
Die meisten Sportstätten, die in den 1940 Jahren Zwangsarbeiterlagen waren, gehörten der Stadt. Die ist bei der Podiumsdiskussion nicht dabei. Hättest du Erwartungen an die Stadt zu dem Thema „Zwangsarbeit und Sportstätten“?
Der Fokus der Veranstaltung liegt eher auf der Verantwortung der Sportvereine, was aber bei weitem nicht heißt, dass sie die alleinige haben. Für mich ist die Stadt genauso wie die Vereine, deren Sponsoring oder alle anderen gesellschaftlichen Institutionen und Akteur*innen in der Verantwortung, sich mit der eigenen nationalsozialistischen Geschichte auseinanderzusetzen und unter anderem daraus eine klare Haltung für die Gegenwart zu entwickeln.