Rede Ingo Wille am 12. November 2024 zur Verlegung der drei Stolpersteine

Ich möchte Ihnen die Stolpersteine kurz allgemeinvorstellen. Die Stolpersteine sind eine „Erfindung“ des KölnerKünstlers Gunter Demnig. Er reist etwa 300 Tage pro Jahr mit seinem Werkstattwagen durch Europa und verlegt die meisten Stolpersteine eigenhändig. Zurzeit liegen rd. 120.000 Steine in 1300 Orten inDeutschland und 20 Ländern in Europa: darunter Russland und Kasachstan.

Früher stellte Demnig die Steine Stück für Stückauch selbst her. Er schlug jeden Buchstaben der Lebens- und Schicksalsdaten selbst in dieMessingkappe, mit der er die Betonwürfel überzog. Heute übernimmt ein Kollege in Berlin dieProduktion weiterhin in Handarbeit. Jeder Stolperstein ist mithin ein Unikat.

Die Stolpersteine zeigen die Namen sowie diewichtigsten Lebensdaten jedes und jeder einzelnen,die während der nationalsozialistischenGewaltherrschaft ermordet wurden oder sonst zu Tode gekommen sind. An viele bereits aus dem Gedächtnis Entschwundene werden wir durch dieStolpersteine erinnert. Zitat Demnig: „Das Grauenbegann nicht in Treblinka, sondern im heimischenWohnzimmer. Ich meine damit, dass Menschenimmer weiter heruntergestuft wurden, bis sie im‚Judenhaus’ landeten und ihre Heimat verlassenmussten. Und alle haben es gelesen, gesehen undgehört! Auch deshalb bringe ich die Namen in diealte Umgebung zurück und setze nicht irgendwo einzentrales Denkmal, wo Kränze für alle nieder gelegtwerden. Mir sind die Namen der Einzelnen wichtig.Der Stein schafft einen Ort der Erinnerung, denn fastalle Steine setze ich ja für Menschen, die keinenGrabstein haben.“

Demnig will also durch seine Gedenksteine dieErinnerung an die Menschen in den Alltag holen.Tatsächlich stolpern wir täglich über die kleinenGedenksteine, besonders dann, wenn sie uns gutgeputzt im Sonnenlicht anblinken.

Ein Stolperstein und seine knappe Inschrift lassenuns fragen, wer war der Mensch, an den hier erinnertwird. EinStolperstein regt dazu an, sich mit derGeschichte des darauf genannten Menschen,dem jeweiligen Wohnort und vielleicht auch mit demHolocaust insgesamt zu beschäftigen. Nicht selten fordert er zu Gesprächen zwischen Passanten heraus.

Nicht nur dies:Wer einen Stolperstein ansieht und die Inschrift lesenwill, muss sich unwillkürlich vor ihm verbeugen. Sokommt es zu einer ganz selbstverständlichen kleinenEhrung des ermordeten Menschen.

Nach dem Verständnis von Gunter Demnig bilden dieStolpersteine ein dezentrales Kunstwerk in und fürEuropa, das die Erinnerung an die Ermordetenlebendig hält:

an die Vernichtung der Juden,
die Ermordung der Sinti und Roma,
an politische Verfolgte,
an Homosexuelle,
an Zeugen Jehovas,
an Opfer der Militärjustiz,
an Zwangsarbeiter,
an „Euthanasie“-Opfer,
an sogenannte Asoziale und
an Personen, die in der Kriegsendphase wegen „Wehrkraftzersetzung“ oder aus anderen Gründen zu Tode gebracht wurden.

Die „alte Umgebung“ der Betroffenen, an der einStolperstein gesetzt wird, ist in der Regel die letztefrei gewählte Wohnadresse, manchmal die letzteberufliche bzw. künstlerische Wirkungsstätte. Dieser Grundsatz lässt sich nicht immer verwirklichen.Dann wählen wir andere aber ebenso angemessene Orte, so wie heute hier am Lagerhaus G. Um den letzten Ort herauszufinden, bedarf es intensiver Forschung. Dieser Aufgabe widmen sich überall inDeutschland und in vielen Teilen Europas Geschichtswerkstätten, Einzelpersonen sowie öffentliche und private Archive.

Heute liegen in Hamburg über 7000 Stolpersteine. Jedes Jahr kommen etwa 150 hinzu.

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