Ich möchte Sie heute hier im Hamburger Hafen an den Lagerhäusern F und G begrüßen und freue mich, dass ich anlässlich der Stolpersteinverlegung für den 26jährigen Aquilino Spozio (22.2.1945), den 30jährigen Erminio Fusa (18.4.1945) und den 21jährigen Luigi Fusi(13.8.1945) ein paar Worte sprechen darf.
Alle drei waren Soldaten und kämpften zunächst in der faschistischen italienischen Armee an der Seite des nationalsozialistischen Deutschen Reichs. Wir wissen nicht, wo ihre Einheiten eingesetzt waren und was die drei im Krieg gemacht haben und es ist legitim und notwendig sich unabhängig der Würdigung des Schicksals der italienischen Soldaten in deutscher Gefangenschaft, auch kritisch mit der Rolle der italienischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg auseinander zu setzen.
Nach dem Sturz des italienischen Diktators Benito Mussolini am 24. Juli 1943 und der Verkündung eines Waffenstillstands der italienischen Regierung mit den Alliierten am 8. September 1943 besetzte die deutsche Wehrmacht Norditalien und stellte die italienischen Soldaten vor die Alternative auf deutscher Seite weiterzukämpfen, oder in Kriegsgefangenschaft zu gehen. 800.000 italienische Soldaten wurden im Machbereich der Wehrmacht entwaffnet. Dabei kam es vor allem in Griechenland auch zu Massakern und etwa 25.000 italienische Soldaten wurden von Wehrmachtssoldaten ermordet. Der weitaus größte Teil, etwa 650.000 italienische Soldaten, darunter auch die hier heute zu erinnernden drei, weigerten sich und gingen stattdessen in Kriegsgefangenschaft.
Für die Soldaten, die zumeist seit ihrer Kindheit im italienischen Faschismus sozialisiert wurden und nichts anderes als Gehorsam und Ja-sagen kannten war dieses ein großer Schritt. Michele Montagano, ein italienischer Offizier, der unter anderem im Offizierslager in Sandbostel war, sagte rückwirkend, dass er erst in Gefangenschaft gelernt hat das erste Mal „Nein“ zu sagen.
Die gefangen genommenen italienischen Soldaten wurden als eine der letzten großen verfügbaren Arbeitsreserven für die deutsche Kriegswirtschaft inKriegsgefangenenlager ins Deutschen Reich gebracht und sofort in Arbeitskommandos weiter transportiert. Das Stalag X B Sandbostel, etwa 100 Kilometer von hier entfernt war zusammen mit dessen Zweiglager Wietzendorf eines der größten Durchgangslager im deutschen Reich. Etwa 67.000 italienische Soldaten wurden hier registriert. Aus Sandbostel und vor allem aus Wietzendorf gelangten etwa 17.000 italienischeMilitärinternierte nach Hamburg, wo sie in allen Wirtschaftsbereichen zur Arbeit eingesetzt wurden: vor allem in den großen Hamburger Industriebetrieben, im Baugewerbe und im Hamburger Hafen. Im Hafen warenetwa 6.000 von ihnen untergebracht und zur Arbeit eingesetzt: in den Lagerhäusern der Firma Reemtsma, beider Gesamthafenbetriebsgesellschaft, der Fa. Storz & Co, der Baufirma August Prien, den Hamburger Gaswerken, der Reederei Blumenthal, der Ohlendorff´scheBaugesellschaft, der Firma Eckhardt & Co. AG, um nur einige zu nennen.
Ohne die für alle sichtbare Zwangsarbeit im Allgemeinen (es waren insgesamt etwa eine halbe Million Zwangsarbeiter*innen die von 1939 bis 1945 in Hamburger Unternehmen eingesetzt und flächendeckend in 1.200 Lagern untergebracht waren) und die der italienischen Soldaten im speziellen hätte die nationalsozialistische Kriegswirtschaft und damit die Kriegsmaschinerie nicht funktionierten können.
Mit Rücksicht auf den Bündnispartner Mussolini wurde Ihnen zwar eine gute Behandlung zugesichert, viele Deutsche betrachteten sie jedoch als Verräter. Häufig wurden Ihnen daher besonders schwere Arbeiten zugeteilt. Offiziell blieb die Wehrmacht für die Militärinternierten zuständig. Doch hatten auch die Betriebe zunehmend Einfluss auf ihre Lebensbedingungen. Unzureichende Verpflegung, mangelnde Ausrüstung und harte Strafen waren in den Stalag und Betrieben die Regel. Die Folge waren in vielen Kommandos zahlreiche Erkrankungen und hohe Sterbezahlen – auch hier in Hamburg, auch hier im Hafen. Bis Kriegsende starben insgesamt etwa 25 000 Italiener.
Nicht weit von hier entfernt, auf dem italienischen Ehrenfriedhof in Öjendorf ruhen knapp 6.000 italienische Zwangsarbeiter und Militärinternierte aus dem Nordwestdeutschen Raum, dem Ruhrgebiet, dem KZ Neuengamme und seiner Außenlager.
Ebenfalls aus Rücksicht Mussolini gegenüber erhielten die italienischen Soldaten den völkerrechtlich nicht bindenden Status als Militärinternierte. Dies bedeutete aber, dass die IMIs, wie sie in der Abkürzung genannt wurden, auch in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden konnten.
Im Juli 1944 wurden die IMIs in den Zivilarbeiterstatus überführt. Nur kurzzeitig trat dadurch eine Verbesserung ein, die Ex-Militärinternierten konnten nun die Lager verlassen und es gab besseren Zugang zu Nahrung. Die Arbeitsbedingungen änderten sich jedoch nicht. Für die Überwachung der Italiener waren nun Polizei und Gestapo zuständig.
Nach der Befreiung kehrten die deportierten Italiener in ein politisch völlig verändertes Land zurück: Der Faschismus war Vergangenheit, die Monarchie wurde 1946 abgeschafft. Den in den Zivilarbeiterstatus überführten Militärinternierten unterstellte man in der Heimat, freiwillig für die Deutschen gearbeitet zu haben. Viele schwiegen daher über die Gefangenschaft in Deutschland.
Erst seit den 1980er Jahren wird die Verweigerung der Kollaboration in der offiziellen italienischen Erinnerungskultur als „Widerstand ohne Waffen“ anerkannt.
In Berlin-Schöneweide wurde nach der Empfehlung einer deutsch-italienischen Historikerkommission 2016 zwareine Dauerausstellung zur Geschichte der IMIs eröffnet.Die NS-Zwangsarbeit, das Schicksal und die Ausbeutung der italienischen Militärinternierten sind aber bis heute weitgehend aus dem deutschen Bewusstsein über die Verbrechen des NS-Systems geraten und kaum in der Öffentlichkeit bekannt. Bis heute entschädigte der deutsche Staat die Mehrheit der Militärinternierten nicht. Von den Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeit ab 2001 waren Kriegsgefangene ausgeschlossen. Fast schon folgerichtig galten die im Nationalsozialismus zunächst vom Gefangenenstatus ausgeschlossenen und dann in den Zivilarbeiterstatus überführten Italiener jetzt in der Bundesrepublik Deutschland plötzlich als Kriegsgefangene. Ihre Zwangsarbeit erkennt die Bundesrepublik bis heute nicht an.
Umso mehr möchte ich der Hamburger Projektgruppe italienische Militärinternierte und den Sponsoren danken, dass ihr einerseits hier und heute Aquilino Spozio, Erminio Fusa, Luigi Fusi mit Stolpersteinen würdigen und dafür sorgen, dass ihr Schicksal nicht in Vergessenheit gerät und dass ihr andererseits, dass ihr so unermüdlich die Erinnerung an alle Italienischen Militärinternierten in Hamburg aufrecht erhaltet. Vielen Dank!