Rede Maike Weth* am 3. Dezember 2024 zur Stolperstein-Verlegung Felippo Faustinelli


Bereits 1942 entstand auf dem Gelände der damaligen Reichswerke „Hermann Göring“ im heutigen Salzgitter das KZ Drütte. Es war eines der ersten und größten Außenlager des KZ Neuengamme. Diev Häftlinge waren auf dem Werksgelände unter einer Hochstraße untergebracht und mussten in der Rüstungsproduktion arbeiten.

Bis 1944 blieb das KZ-Außenlager Drütte das einzige in unserer Region. Dann kamen fast zeitgleich an den verschiedensten Standorten neue Lager hinzu. In Salzgitter waren es drei weitere KZ, in Braunschweig 3, 2 in Wolfsburg, und jeweils 1 in den umliegenden Orten Vechelde, HelmstedtBeendorf, Warberg und bei Schandelah-Wohld. Insgesamt sollten schließlich an 13 Standorten Außenlager des KZ Neuengamme entstehen.

Zentral verantwortlich war das Stammlager Neuengamme, aber auch das KZ Drütte war als
sogenanntes Stützpunktlager für einige dieser KZ zeitweise oder dauerhaft zuständig.
Stützpunktlager wurden in Ballungsgebieten mit mehreren Außenlagern zur Vereinfachung der
Verwaltung eingerichtet. Sie übernahmen organisatorische Angelegenheiten, unterstützen bei der zweckmäßigen Organisation des Lagerlebens, unterrichteten über einschlägige Vorschriften und kontrollierten deren Einhaltung.

So war das Stützpunktlager Drütte bereits früh in die Entstehung des neuen Außenlagers Schandelah eingebunden. Bereits im Januar 1944 besichtigten der damalige SS-Kommandant des KZ Drütte – Herbert Rautenberg – gemeinsam mit Vertretern der Steinöl GmbH die dortige Baustelle und erörterten die Bestimmungen zur Errichtung eines Häftlingslagers.
Mit Ankunft der Häftlinge im KZ Schandelah lief die Versorgung von Nahrungsmitteln und
Medikamenten über den Stützpunkt.

Andersherum meldete das neue Außenlager an die Verwaltung in Drütte unter anderem die Namen der verstorbenen Häftlinge, die von dort aus nach Neuengamme weitergeleitet wurden. Vielleicht galt das auch noch für Filippo Faustinelli.

Wie so oft, gibt es auch im Bereich der Zuständigkeiten zwischen den Lagern Drütte und Schandelah noch einige Unklarheiten. So müsste geprüft werden, ob auf Grund dieses Meldeverfahrens in den Neuengammer Totenbüchern die Toten immer unter „Schandelah“ oder auch unter „Drütte“ verzeichnet wurden. Unklar ist auch die Zahl der Kranken, die ins Krankenrevier nach Drütte überstellt wurden. Und schließlich ist noch unbekannt, ob und wie viele Tote von Schandelah zum Stützpunktlager gebracht wurden. In den Friedhofsunterlagen aus Salzgitter lassen sich fünf Namen mit einem Hinweis auf Schandelah finden, es ist aber nicht auszuschließen, dass die Zahl höher ist.

Diese Vernetzung zwischen den Lagern wurde zumindest bei uns bisher nur wenig beleuchtet. Lange Zeit ruhte der Fokus auf der Geschichte vor Ort. Und diese Aufarbeitung begann in Salzgitter und Schandelah – wie an so vielen anderen Orten auch – erst rund 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Engagierte Bürger:innen taten sich zusammen und begannen alle Informationen, die ihnen in die Hände fielen, zusammenzutragen. Oft waren sie es, die Kontakte mit Überlebenden herstellten und pflegten. Aber sie mussten sich auch häufig gegen viele Widerstände und zum Teil massive Anfeindungen durchsetzen. Und dennoch haben sie weitergemacht.

So entstanden erste Erinnerungsstätten mit Gedenksteinen oder -tafeln, die erstmals die Orte der Verbrechen der Nationalsozialisten wieder sichtbar machten. Es entstanden Orte, die Raum zum Trauern und zum Lernen bieten. Orte, die vom Tatort zum Zeugen wurden.
Heute sind diese Orte sehr unterschiedlich: Es gibt Gedenkstätten mit Büros und Personal, die
aufgrund ihrer Möglichkeiten stärker in den Fokus rücken. Und es gibt noch immer und zum Glück zivilgesellschaftlich getragene Initiativen, die sich für die vielen anderen Orte und Geschichten einsetzen, die nicht – oder besser – noch nicht so sichtbar sind.
Und dabei ist es sogar noch heute manchmal notwendig, zu kämpfen, um Widerstände, die so „80er“ erscheinen, überwinden zu können. Eine Tatsache, vor der ich immer wieder perplex stehe und es kaum glauben kann – nochmal 40 Jahre später!


Aber ich befürchte, das wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern.
Im Gegenteil. Es wird wohl immer schwieriger werden, Zustimmung und Unterstützung zu finden. Und es scheint gleichzeitig auch immer schwieriger zu werden, Zeit und Raum für Engagement zu finden.

Der Alltag ist voll mit Dingen, die erledigt werden müssen. Die Weltlage ist so angespannt, dass
manch einer gar nicht mehr hinsehen mag. Die Sorge um den eigenen Wohlstand überschattet
scheinbar alles.Wo bleibt da noch Platz für anderes? Wo bleibt da noch Platz für Geschichte – längst vergangen, längst erledigt? Diesen Platz zu schaffen ist anstrengend, es kostet Zeit, es kostet Kraft und das erfolgreiche Ergebnis ist scheinbar selten wirklich sichtbar.

Dank des Engagements können wir ein Ergebnis von erfolgreicher Arbeit hier sehen.
Und damit wird auch ein wichtiges Ziel des Stolperstein-Projektes erreicht: Die Geschichte von
Menschen wieder sichtbar machen, die nicht mehr Teil dieser Gesellschaft sein sollten,
die ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden. Ihre Abwesenheit, die sich über Generationen fortsetzt, ist das, worüber wir stolpern. Die Vielzahl der Steine und die Tatsache, dass sie überall zu finden sind – über 7.000 in Hamburg und immerhin 12 in Salzgitter – sind es, worüber wir stolpern.

Liebe Gäste, wir leben in Zeiten, in denen die NS-Geschichte normalisiert werden soll,
Zeiten, in denen Ideen zur Remigration unserer Mitbürger:innen entwickelt und deren Umsetzung lautstark und wiederholt gefordert werden, Zeiten, in denen eine Partei auf den Stimmzetteln für unsere Demokratie in Teilen rechtsextrem ist.

Wir leben in Zeiten, in denen öffentliche Einrichtungen Sorge vor Maßregelungen haben müssen, wenn sie sich für Grund- und Menschenrechte als Bestandteil unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung und gegen Rechtsextremismus und deren Anhänger:innen aussprechen.

Sich dem zu widersetzen braucht viel Kraft und auch Mut. Denn Gewalt wird oft nicht mehr nur
angedroht. Umso wichtiger sind die zivilgesellschaftlichen Initiativen, die unabhängiger agieren können. Umso wichtiger sind Netzwerke aus vielen Einzelpersonen und verschiedensten Institutionen, die als starke Partner:innen zur Seite stehen können.

Umso wichtiger sind Menschen, die es schaffen, trotz Druck und Sorgen, Platz zu schaffen, für
Engagement.

Und das muss gar nicht immer laut sein, dafür muss man gar nicht immer viel arbeiten, dafür reicht es manchmal schon, an einem Dezembernachmittag loszugehen und Gesicht zu zeigen.
Ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen

Umso wichtiger sind Menschen, die es schaffen, trotz Druck und Sorgen, Platz zu schaffen, für
Engagement. Und das muss gar nicht immer laut sein, dafür muss man gar nicht immer viel arbeiten, dafür reicht es manchmal schon, an einem Dezembernachmittag loszugehen und Gesicht zu zeigen.

Ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen.

Es gilt das gesprochene Wort.

*Leiterin der Gedenkstätte Salzgitter

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