Am „Alten Mühlenweg 3“ in Sasel befanden sich 1944 mehrere Baracken zur Unterbringung von NS-Zwangsarbeitern.

Nachweislich seit August 1944 waren dort italienische Militärinternierte (IMI) untergebracht. Der Fakt selber war schon seit langem bekannt, wie die Strafverfahren in den 1980er Jahren gegen das Wachpersonals des KZ Sasel belegen.

Dem wurde bisher keine Beachtung geschenkt. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme sieht sich für die NS-Zwangsarbeit, insbesondere bei den italienischen Militärinternierten, nicht zuständig. Eine Kriegsgefangenen-Postkarte eines IMI aus 1944 und eine Angehörigen-Anfrage führte jetzt zu neuen Recherchen und brachte eindeutige Belege (wird noch erzählt).
In unmittelbarer Nähe der später Baracken befand sich eine Flak-Stellung der Wehrmacht, u.a. mit einem Turm zur Abwehr von Tieffliegern.

Auf dem unbebauten Gelände standen weitere vereinzelte Baracken. Mit dem Abriss dieser Baracken wurde offenbar ein neues Barackenlager am Mühlenweg errichtet.
Vermutlich ab dem 28. August 1944 kamen die ersten jüdischen Frauen im neu geschaffenen Außenlager Sasel des KZ Neuengamme an. Sie berichteten von einem leeren Barackenlager, sodass die IMI zu diesem Zeitpunkt bereits verlegt worden sein müssen.

Wer waren die italienischen Militärinternierten?
Die italienischen Militärinternierten waren nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten am 8. September 1943 als Zwangsarbeiter vor allem nach Deutschland verschleppt worden. Es handelte sich ursprünglich um italienische Soldaten, die von der deutschen Wehrmacht nach dem Waffenstillstand entwaffnet wurden, weil sie sich weigerten, an der Seite Deutschlands weiterzukämpfen. Mit ihrem „Nein“ wurden sie zu „Militärinternierten“ erklärt, um sie als Arbeitskräfte, auch in der Rüstungsproduktion, einsetzen zu können. Laut der Genfer Konvention war der Einsatz von Kriegsgefangenen in der Rüstungsindustrie jedoch verboten. Ein ähnliches Vorgehen wurde bereits bei französischen Kriegsgefangenen angewandt: Sie wurden zu „zivilen“ Zwangsarbeitern erklärt, um sie in der deutschen Rüstungsindustrie einsetzen zu können.
Vier Kriegsgefangenen Bau- und Arbeitsbataillone mit IMI
Ab April 1944 organisierte das Wehrmachtskommando in Sandbostel vier Kriegsgefangenen-Bau- und Arbeitsbataillone, die ausschließlich aus italienischen Militärinternierten bestanden. Diese Bataillone erhielten den Zusatz „(It)“: 196 (It), 197 (It), 200 (It) und 201 (It). Die IMI führten im Rahmen dieser Bataillone Arbeiten in Hamburg und Umgebung aus, standen jedoch nicht für die Zwangsarbeit in den Unternehmen zur Verfügung, die sie angefordert hatten.

Zum 1. September 1944 wurde aus den Bataillonen BAB 200 (It) und BAB 201 (It) das Landesbataillon „L 21“ gebildet, das ausschließlich in Hamburg eingesetzt wurde. Das BAB 201/L 21 umfasste insgesamt etwa 980 italienische Militärinternierte, aufgeteilt in fünf Kompanien mit jeweils rund 200 IMI.
BAB 201 bestand aus fünf Kompanien
Bisher sind die Standorte zweier dieser Kompanien bekannt: Neu entdeckt wurde jetzt der Standort der 1. Kompanie am „Alten Mühlenweg 3“ in Sasel. Die 3. Kompanie des BAB 201 war zunächst in Harburg, im Ortsteil Langenbek, in der Gaststätte „Celler Hof“ untergebracht, später vermutlich im „Lager Tarpenbek“ in Hamburg-Langenhorn oder umgekehrt. Der Standort der 4. Kompanie war in Hamburg 1, einen genau Ort kann man zurzeit nicht identifizieren.

Über die vier BAB der IMI in Hamburg ist bisher wenig bekannt. Einige Namen konnten über Kriegsgefangenen-Postkarten rekonstruiert werden, die sie an ihre Familien schicken durften. Angesichts der über 2.000 beteiligten Personen ist die Anzahl der bekannten Namen jedoch äußerst gering. Im Fall des BAB 201 sind bisher nicht einmal die Standorte der 2. und 5. Kompanie bekannt. Recherchen in staatlichen Archiven werden nicht systematisch unterstützt, sodass Informationen nur durch Einzelfalluntersuchungen erlangt werden können.
18.000 IMI in Hamburg als Zwangsarbeiter im Einsatz
In den Statistiken des Hamburger Arbeitsamts waren 1944 über 17.000 Italiener registriert worden. Mit dem „Statuswechsel“ zum 1. September 1944 mussten alle IMI beim Arbeitsamt angemeldet werden. Die unter dem Kommando der Wehrmacht standen, wurden dort nicht erfasst worden. Die Gesamtzahl der IMI in Hamburg dürfte daher bei mindestens 18.000 liegen.