Stichworte zum Zwangsarbeitslager am Bullerdeich 2

Am Bullerdeich 2, an der Ecke Heidenkampsweg in Richtung Elbbrücken, befand sich von 1942 bis vermutlich Juli 1943 ein Lager für NS-Zwangsarbeiter. Das belegen unter anderem Unternehmensschreiben sowie eine größere Gruppe von namentlich genannten Personen, die dort untergebracht waren. Bis vor Kurzem war unklar, ob es sich tatsächlich um ein Lager oder um einen Arbeitsort für Zwangsarbeiter handelte.

Es handelte sich um ein sogenanntes Gemeinschaftslager, das mehrere Firmen nutzen für die Unterbringung ihrer ausländischen Arbeiter und Zwangsarbeiter. Bis in die 1930er Jahre befand sich an dieser Stelle eine Badeanstalt an der Bille. Bereits seit 1876 bestand dort eine Art „schwimmende Badeanstalt“. 1930 zählte das Bad 116.000 Besuche. „Die Bassins sind mit einer bis auf den Grund retchenden Latteneinfriedigung versehen, so daß von der Bille aus keine groben Verunreinigungen hineingelangen können“, beschrieb die Gesundheitshörde damals die Lage. Die Industrieabfälle und die Schadstoffe der Müllverbrennungsanlage wurde damals allerdings von ihr kritisch angemerkt.

Die 1942/1943 untergebrachten Menschen mussten unter anderem für folgende Firmen arbeiten:

– die F.H. Schule Maschinenfabrik am Hammerdeich 70–94,

– die Norddeutsche Großverzinkerei Apparatebau Carl Sager in der Billstraße 185,

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hamburg_Billstrasse_185.jpg

– die Gebrüder Böhling in der Großmannstraße 118 sowie

– das bis heute bestehende Stahlhandelsunternehmen Heinrich Schütt.

Was weiß man über die Zwangsarbeiter im Lager Bullerdeich 2?

Zur Gesamtzahl der dort untergebrachten Menschen lässt sich derzeit keine abschließende Aussage treffen. Es ist jedoch belegt, dass sie aus Belgien, den Niederlanden, Frankreich, der Tschechoslowakei und Italien stammten.

Die Maschinenfabrik F.H. Schule gab später an, etwa 40 französische und einige tschechische Arbeitskräfte beschäftigt zu haben. Bislang konnten jedoch keine Namen französischer Zwangsarbeiter aus dem Lager Bullerdeich identifiziert werden.

Vermutlich handelte es sich um sogenannte dienstverpflichtete Franzosen, die im Zuge der Einführung der allgemeinen Dienstpflicht im September 1942 nach Deutschland kamen. Diese Dienstpflicht galt für Männer und Frauen und wurde über Jahrgangskontingente organisiert, die die benötigten Arbeitskräfte nach Deutschland vermittelten.

Italienische Arbeiter in der Rüstungsindustrie

Die italienischen Arbeiter waren vermutlich vor allem bei Carl Sager und Heinrich Schütt beschäftigt. Darauf deuten die Namen italienischer Opfer hin, die im Zusammenhang mit dem Lager Bullerdeich am 28. Juli 1943 genannt werden: Angelo Maggi, Antonio de Fedici, Ceaton Gaminelli, Pietro Nicola, Romeo Ghisalberti, Angelo Badate und Giuseppe Bortoli.

Die Italiener kamen auf Grundlage eines Abkommens zwischen Deutschland und Italien im Sommer 1941 nach Hamburg. Bereits ab 1938 existierte eine Vereinbarung beider Länder über den Einsatz italienischer Arbeitskräfte in Deutschland.

Zwischen 1938 und 1941 – zu einer Zeit, in der Mussolinis Italien als wichtigster Verbündeter Deutschlands galt – wurden jährlich 30.000 bis 50.000 italienische Saisonarbeiter:innen in der Landwirtschaft eingesetzt, darüber hinaus Zehntausende auf Baustellen. Ab 1940 wurden rund 200.000 italienische Arbeitskräfte, insbesondere in Industrie, Bauwirtschaft und bei der Reichsbahn, beschäftigt. Etwa 30.000 Italiener begannen bei der Reichsbahn zu arbeiten – ab Januar 1941 über 1.000 davon in Hamburg. Eine seriöse und umfassende Aufarbeitung des Einsatzes italienischer Arbeitskräfte in Hamburg steht bislang noch aus. Bei ihnen handelte es zu diesem Zeitpunkt nicht um Zwangsarbeiter.

Anfang 1941 waren 531 Italiener als gewerbliche Arbeitskräfte in Hamburg tätig. Ende Juli 1941 war ihre Zahl auf 1.984 gestiegen. Die Zahlen sollen in 1942 erheblich gestiegen sein (6.200), aber seriöse Zahlen liegen nicht vor. Damit lagen sie zahlenmäßig etwa gleichauf mit französischen und niederländischen Arbeitskräften. 1943 änderten sich die Arbeitsverhältnisse der in Hamburg beschäftigten Italiener jedoch grundlegend, erst nach dem Sturz von Mussolini im Juli 1943 und dann mit dem Waffenstillstand der italienischen Regierung mit dem Alliierten vom 8. September 1943. Das führte zur Gefangennahme von mehr als 800.000 italienischen Soldaten, von denen über 600.000 als italienische Militärinternierte zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Was wurde aus dem Lager am Bullerdeich 2?

Ein Schreiben der Maschinenfabrik F.H. Schule sowie die Namen der italienischen Opfer lassen darauf schließen, dass das Zwangsarbeitslager im Juli 1943 zerstört wurde.

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