Rede Susanne Wald am 8. September 2025

Wir stehen heute vor dem Hauptgebäude der Hamburger Stadtreinigung, eines der Unternehmen der öffentlichen Daseinsfürsorge, die während der NS-Zeit von Zwangsarbeit profitiert haben. 

Zwischen 1939 und 1945 wurden mehr als 13 Millionen Menschen aus dem ganzen von den Nazis besetzten Europazur Zwangsarbeit im deutschen Reich eingesetzt- die meisten von ihnen waren dorthin verschleppt worden.

Die Zwangsarbeit von Zivilisten, Kriegsgefangenen sowie KZ-Häftlingen war zur Aufrechterhaltung der deutschen Kriegswirtschaft unabdingbar. Denn sie mussten den immer drastischeren Arbeitskräftemangel, ausgelöst durch die Einberufung von Millionen deutscher Männer an die Front, ausgleichen. Die Zwangsarbeiterinnen schufteten in Industrie -auch in der Rüstungsindustrie- im Bergbau, im Handwerk, in der Landwirtschaft, aber eben auch in der öffentlichen Daseinsfürsorge.

Zwangsarbeit war wohl das sichtbarste NS-Verbrechen. Täglich – auch in Hamburg – mussten die Zwangsarbeiterinnen aus ihren Unterkünften morgens zur Arbeit gehen oder marschieren und abends dorthin zurückkehren. In den Arbeitsstätten trafen sie auf deutsche Betriebsangehörige, denen die miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiterinnen ebenfalls nicht entgehen konnten. Nur wenige halfen ihnen.

In Hamburg waren etwa 500.000  Zwangsarbeiter:innen eingesetzt, die in mehr als 600 Lagern im ganzen Stadtgebiet untergebracht waren. Sie arbeiteten bei mehr als 1200 Unternehmen. Tausende Zwangsarbeitende arbeiteten in der öffentlichen Daseinsvorsorge, u.a. auch bei der Hamburger Stadtreinigung, die zwischen 1940 und 1945 mehr als 2.500 Zwangsarbeiter einsetzte.

Die Lager dieser Zwangarbeitenden befanden sich unter anderem auf der Trabrennbahn Farmsen, den Schulen Wendenstraße/Sorbenstraße, in der Schilleroper in St. Pauli, in der Moortwiete in Altona und der Moorweidenstraße nahe der Universität.

Von dort aus gelangten sie täglich zu den mehr als 50  Lager- und Betriebshöfen bzw. -plätzen der Stadtreinigung. 

Schon im Sommer 1940 wurden die ersten Zwangsarbeiter, sie kamen aus Dänemark, bei der Müllabfuhr eingesetzt. ImWinter 1942 mussten bis zu 1.500 französische Kriegsgefangene Schnee beseitigen.

1943 begann der Einsatz sowjetischer Zwangsarbeiter zurTrümmerräumen, deren Zahl bis Ende 1944 auf fast 500 anstieg. Ab September/Oktober 1943 arbeiteten zudem mehr als 600 italienische Militärinternierte bei Müllabfuhr und Straßenreinigung. 300 von ihnen wurden später zurTrümmerbeseitigung eingesetzt. 

Die italienischen Militärinternierten gehörten in Deutschland jahrzehntelang zu den vergessenen Opfern des NS. Seit fünf Jahren sind wir in Hamburg als Projektgruppe aktiv, um an ihre Geschichte, an ihr „Nein“ zur Kollaboration mit den Deutschen und ihren „Widerstand ohne Waffen“ in den deutschen Lagern zu erinnern.

Werfen wir einen Blick zurück: 

Ab 1940 hatte das faschistische Italien als Verbündeter des NS-Staates im II. Weltkrieg gekämpft.

Kurz nach dem Sturz des faschistischen Diktators Mussolini im Juli 1943, verkündete die neue italienische Regierung am 8. September 1943 einen Waffenstillstand mit den Alliierten.Die Wehrmacht besetzte daraufhin Italien und nahm große Teile der italienischen Armee gefangen. 

Die Mehrheit der gefangengenommenen italienischen Soldaten weigerte sich an deutscher Seite weiterzukämpfen. Daraufhin wurden sie -meist- ins Reichsgebiet zur Zwangsarbeit verschleppt. Die NS-Führung erklärte die mehr als 600.000 Männer, die „Nein“ gesagt hatten, am 20. September 1943 von Kriegsgefangenen zu sogenannten Militärinternierten. Dadurch waren sie

1) dem Schutz der Genfer Konvention von 1929 entzogen und  

2) wurde so ihr Einsatz in der Rüstungsindustrie möglich.

Nicht nur die NS-Führung, sondern auch die meisten Deutschen betrachteten die IMI als „Verräter“. In Lagern und Betrieben behandelten Wachmannschaften und Betriebsführer und deutsche Belegschaften sie deshalb besonders schlecht. Willkürliche Gewalt, Hunger, unzulängliche Unterbringung und mangelhafte medizinischer Versorgung kennzeichneten ihre Über-Lebensbedingungen. Zwischen 50.000 und 60.000 italienische Militärangehörige überlebten ihre Gefangenschaft in deutscher Hand nicht.

Dem deutschen Staat ist es leider bis heute gelungen, den IMI-die nachweislich unter besonders schweren Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. eine Entschädigung zu verweigern. 

Als „Projektgruppe IMI in Hamburg 1943-45“ freuen uns sehr, dass heute – wohlgemerkt 80 Jahre nach der Befreiung – eine Gedenktafel an all die verschiedenen Gruppen von Zwangsarbeiterinnen, die von der Stadtreinigung eingesetzt wurden, eingeweiht wird. 

Schließen möchte ich mit einem Zitat des ehemaligen Militärinternierte Michele Montagano, der letztes Jahr mit fast 103 Jahren verstorben ist:

„Wir inzwischen über 90-Jährigen hoffen, dass die Nachgeborenen sich erinnern werden. Nicht weil wir gelitten haben, sondern weil wir ‚Nein‘ gesagt haben.“

Vielen Dank!

 

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