Während ihres Urlaubs in Hamburg im Juli 2026 habe ich Claudia De Franceschi und Guido Turrin aus Pederobba beim Besuch der KZ-Gedenkstätte kennengelernt. Daraus ergab sich ein Besuch verschiedener Orte in Hamburg, wo italienische Militärinternierte von 1943 bis 1945 arbeiten und leben mussten. Zusammen waren wir auch in den Räumen des KZ Außenlager am Dessauer Ufer. Erst im Gespräch wurde mir bewusst, dass sie aus Pederobba kamen. Dies ist einer der Orte am Monte Grappa, an dem Ende September 1944 Partisanen bestialisch ermordet wurden.
Die Gemeinde zählt heute rund 7.300 Einwohner:innen und besteht aus fünf Ortschaften. Sie liegt unmittelbar am Rand des Monte-Grappa-Massivs, im Piave-Tal. Der Gipfel des Berges befindet sich auf einer Höhe von 1.775 Metern. Der Bürgermeister der Gemeinde, Marco Turato, schrieb mir vor einigen Tagen, dass die „tragischen Ereignisse und der gemeinsame Schmerz über diese NS-Opfer am Monte Grappa uns heute verbinden“.
Rundgang durch Pederobba zur Erinnerung an die Ermordeten
Im Ort wird jedes Jahr zum Jahrestag an die acht Ermordeten erinnert. Für jeden von ihnen befindet sich am historischen Platz eine Namenstafel. Auf dem Friedhof befindet sich eine weiterer Erinnerungsort. Darüber habe ich jetzt mit Claudia und Guido gesprochen. Sie gehören einer Bürgergruppe an, die zum dritten Mal einen Erinnerungsrundgang zu den einzelnen Stationen organisiert. Im letzten Jahr kamen zwei noch lebende Zeitzeugen zu Wort und sprachen über die furchtbaren Verbrechen, die sie als Kinder damals sahen. Tränen treten ihnen in die Augen, wenn sie heute über das damalige Geschehen erzählten.




Im Gespräch merke ich schnell, welche Rolle das Wachhalten der Erinnerung in Pederobba für sie spielt. Manchmal kommen mehrere Hundert Bewohner:innen zu ihren Erinnerungsveranstaltungen. So hoffen sie, dass zum diesjährigen Rundgang an die hundert Menschen kommen.
Claudia hebt hervor, dass es keine Versammlung ist, bei der politische Reden gehalten werden, sondern es geht um das Erbe, das sie uns hinterlassen haben: Eine freie demokratische Republik Italien in der europäischen Gemeinschaft. Die Bürger gehen zu verschiedenen Orten, an denen die Partisanen ermordet wurden. An jeder Station gibt es eine Zeremonie. Es wird etwas über die Menschen erzählt, und es folgt ein kultureller Beitrag, sei es eine Lesung oder ein Musikstück.




Über Secondo Tonellato aus Pederobba
Waren die Ermordeten alle Bewohner des Ortes, wollte ich wissen? „Nein, Secondo Tonellato war aus Pederobba. Die anderen waren Partisanen, die während des Angriffs der Wehrmacht, SS und anderer Verbände auf den Monte Grappa gefangen genommen wurden.“ Secondo Tonellato sei bereits am 17. September 1944 denunziert und verhaftet worden.

Beide, Claudia und Guido, versuchen, mir noch einmal ein Bild von dem damaligen Geschehen zu vermitteln. Die Wehrmacht startete einen Angriff auf die Partisanen am Monte Grappa. Dazu wurde das Gebirgsmassiv von einer riesigen Armee aus Wehrmacht, Ordnungspolizei, italienischen Faschisten und anderen Verbänden umstellt. Das erfolgte vor Beginn des Angriffs am 20. September 1944 mit der „Operation Piave“.
So drohte die Wehrmacht, so wurde in verschiedenen Erzählungen berichtet, Pederobba nieder zu brennen, wenn die Bewohner:innen ihnen nicht die Namen von Partisanen verraten würden. In Schievenin, einer Gemeinde in der Nähe, hatten sie 60 Gebäude niedergebrannt. So soll es zur Verhaftung und Ermordung von Secondo Tonellato bereits vor dem eigentlichen Angriff der Wehrmacht gekommen sein.
Er wurde nach Montebelluna verbracht (15 km entfernt von Pederobba) und in der „Villa Morassutti“ festgehalten. Hier war das Kommando des deutschen Luftwaffen-Sicherungs-Regiments „Italien“, also kein italienischer Verband und auch keine SS-Einheit. Das Gebäude diente als deutscher Kommandoposten, Haft- und Folterort. Dorthin wurden einige Tage später gefangene Partisanen bzw. als Partisanen verdächtigte Personen gebracht, festgehalten und verhört. Secondo Tonellato wurde hier gefoltert und am 19. September 1944 nach Pederobba gebracht. Dort wurde er am steinernen Torbogen („arco in pietra“) der Piazzetta Sant’Antonio in Pederobba von italienischen Faschisten erhängt.
Claudia und Guido machen mir noch einmal klar, dass die Region um den Monte Grappa seit September 1943 geteilt war und gewissermaßen deutsches Hinterland war sowie RSI. Nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 zwischen den Alliierten und der Regierung nach Mussolinis Sturz hatte die deutsche Wehrmacht Nord- und Teile Mittelitaliens bis Rom besetzt. Die militärische Front zu den Alliierten sollte möglichst weit von Deutschland entfernt sein. Im September 1944 verlief die Front weit südlich der Region um den Monte Grappa. Die Partisanen wirkten im Hinterland von Nazi-Deutschland Operationszone Alpenvorland (OZAV) sowie auf der Südseite des Monte Grappa und somit der in der italienischen Sozialrepublik Salo. Sie banden sie militärische Kräfte der Wehrmacht, die woanders dringend gebraucht wurde.
Was machen wir am 24. September 2026 in Pederobba?

„Am 24. September 2026 werden wir uns um 19.30 Uhr in einem kleinen Park in Levada versammeln. Von dort gehen wir zur ersten Gedenktafel, wo Lenorose Dissegna Pietro erhängt wurde. Wenige hundert Meter weiter erinnern wir uns bei den Bahngleisen im Ort an Mascotto Antonio Giuseppe. Von hier geht es zurück zu unserem Ausgangspunkt und erzählen von den Partisanen aus Pederobba. Von dort aus geht es dann zum Ortskern, wo ein Zelt aufgebaut ist, wo ein Buch zum Thema von Paolo Malaguti vorgestellt wird. Unser Musiker hat auch ein Lied für die acht Opfer hier in Pederobba geschrieben, das dann Weltpremiere feiert.“
Wenn die Partisanen nicht aus Pederobba waren, warum wurden sie hier ermordet, wollte ich wissen. Claudia erzählt, dass es „die Absicht der Wehrmacht, aber auch der faschistischen Milizen von Mussolini in den von Deutschland besetzten Teilen Italiens war, die Verurteilten an verschiedenen Orten der Umgebung öffentlich zu erhängen und die Bewohner einzuschüchtern“.
Die acht als Opfer der NS-Gewalt in Pederobba (19.–25. September 1944):
| Namen der Ermordeten in Pederobba | ermordet am |
| Secondo Tonellato | 19. September 1944 |
| Pietro Lenorose (Dissegna) | 24. September 1944 |
| Luigi Giacomo Conte („Serpe“) | 25. September 1944 |
| Giuseppe Antonio Mascotto | 25. September 1944 |
| Arcisio Simioni („Rosso“) | 25. September 1944 |
| Romeo De Bortoli | 25. September 1944 |
| Natale Zancanaro („Feroce“) | 25. September 1944 |
| Giovanni Mocellin („Lucciola“) | 27. September 1944 |
Soweit die Partisanen am Monte Grappa nicht im Kampf getötet, sondern gefangen genommen wurden, wurden sie in den verschiedenen militärischen Zonen von der NS-Militärjustiz zum Tode verurteilt. Im Fall der sieben in Pederobba Ermordeten, also ohne Secondo Tonellato, war der Sitz des „Militärgerichts“ in der benachbarten Gemeinde Quero, das „Tribunale di guerra principale Quero“. Da es in Quero kein RSI-Militärgericht gegeben hatte, ist es wahrscheinlich, dass ein Militärrichter der deutschen Wehrmacht die Urteile fällte. Es könne auch sein, dass der Sitz des „Gerichts“ lediglich Schauplatz eines improvisierten Feldgerichtsverfahrens war, wenn man sich die Bilder von damals anschaut.

Holger Artus aus der „Projektgruppe italienische Militärinternierte Hamburg