Sebastiano Ziliotto an seine Mutter am 29. September 1944

Sebastiano Ziliotto gehörte zu den verschleppten Bewohnern vom Monte Grappa, die während einer Militäraktion von Wehrmacht und SS Ende September 1944 verhaftet wurden. Er lebte in Crespano del Grappa.

Von Quero nach Bozen

Er wurde am 22. September 1944 verhaftet und nach Quero gebracht. Von dort kam er ins damalige „Durchgangslager Bozen“. Ursprünglich war das Lager in Bozen ein Arbeitserziehungslager (AEL) (Mai–August 1944), in dem bis zu 150 Menschen für bis zu 50 Tagen zu KZ-ähnlichen Bedingungen festgehalten wurden. Nach der Verlegung des Lagers Fossoli im Herbst 1944 nach Bozen fungierte es als „Polizei- und Durchgangslager“. Historisch wurde Bozen jedoch als Konzentrationslager (KZ) eingestuft.

Es unterstand dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Verona. Es diente als zentrales Räderwerk und Transitzentrum für die Deportation von über 3.400 Menschen in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager im Reich (darunter Mauthausen, Flossenbürg, Dachau, Ravensbrück und Auschwitz)

Vom „Durchgangslager Bozen“ ins KZ Dachau

Mit anderen vom Monte Grappa kam Sebastiano am 9. Oktober 1944 ins KZ Dachau. Die meisten der damals am Monte Grappa Verschleppten kamen in die Außenlager von Dachau.

Vom KZ Dachau ins KZ Neuengamme

Am 22. Oktober 1944 wurden 2.000 Insassen des KZ Dachau ins KZ Neuengamme gebracht. Sebastiano war der einzige aus der „Operarition Piave“ der Wehrmacht, der ins KZ Neuengamme kam.

Ein Brief aus Bozen an seine Mutter in Crespano del Grappa

Am 29. September 1944 schrieb er einen Brief an seine Mutter in Crespano del Grappa. Zu dem Zeitpunkt bestand bei ihm die Hoffnung, dass alles gut aufgeht. Er erkundigte sich nach seinen Geschwistern. Aus dem Brief ergibt sich, dass er sogar einen Briefaustausch mit seiner Schwester Barbara hatte. Der Brief endet mit dem Satz: „Macht euch keine Sorgen.“

Bozen, 29.9.44

Liebe Eltern, 

ich wende mich mit diesem Brief an euch, um euch mitzuteilen, dass es mir sehr gut geht – und ich hoffe, dass es euch allen ebenso gut geht.

Liebe Mama, es tut mir leid, dass ich meinen Papa in diesem Zustand zurückgelassen habe, als ich aufgebrochen bin; er hat angefangen zu weinen, aber er soll Mut fassen, denn hoffentlich sehen wir uns bald wieder. 

Ich möchte gerne etwas über die Familie erfahren: Wo sind meine Brüder? Sind sie weggegangen oder sind sie zu Hause? Lasst mich bitte etwas wissen.

Liebe Mama, es tut mir sehr leid, dass ich weggegangen bin, ohne auch nur einen Schluck Most getrunken zu haben, aber hoffentlich komme ich nach Hause, um ein Gläschen Wein zu trinken. Hier in Bozen treffen wir viele Kameraden aus der Gherla: Marceo Caset, Bepi Boldan, Gidio, Zeffiro, Nildo, Giovanin Jai und Jane Bombo – wir sind alle zusammen und verbringen die Zeit miteinander. 

Liebe Mama, was das Essen angeht, geht es mir gar nicht so schlecht. Es tut mir leid, dass ich die Jungs Bepi und Saverio und all die anderen zurückgelassen habe; sie sind zu einem Ziel aufgebrochen und wir zu einem anderen. Lass mich etwas wissen, ob sie geschrieben haben; dann könnte ich ihnen wenigstens schreiben, und schick mir die Adresse.

Liebe Mama, sag mir doch, wie es auf dem Land läuft. Es hat geregnet – ich hoffe, hier hat es auch geregnet. Hier hat es zwei Tage lang geregnet. Habt ihr den türkischen Kran geerntet, und wie läuft die Weinlese? Hoffentlich gut. 

Liebe Mama, meine Schwester Bettina schreibt. Sag ihr, sie soll mir schreiben, wenn sie kann, denn ich kann es kaum erwarten, Neuigkeiten von euch zu hören. Bitte schreib mir unbedingt. Liebe Mama, lass mich wissen, ob Papa wieder zu Hause ist oder noch weg ist. Mama, ich bitte dich, bald zu schreiben, und vergiss nicht, die Adresse auf das Blatt zu schreiben. Ich bin jetzt fertig mit Schreiben, das nächste Mal werde ich euch ausführlicher schreiben. Viele liebe Grüße von allen Dorfbewohnern und einen herzlichen Gruß sowie einen dicken Kuss von eurem Sohn Sebastiano.

Macht euch keine Sorgen um mich. Viele Grüße und Küsse an die kleinen Geschwister und vor allem an die Oma. Nochmals viele Grüße und auf Wiedersehen.“

(Zettel von Sebastiano Ziliotto, mit Bleistift geschrieben am 29.9.1944 aus dem Lager in Bozen)

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