Von Oktober 1942 bis Mai 1945 lebten insgesamt 230 NS-Zwangsarbeiter im Erdgeschoss der Poolstraße 21/22. Unter ihnen 24 italienische Militärinternierte und ein ehemaliger italienischer Zivilarbeiter. Die meisten IMI kamen im Dezember 1944 aus dem Zwangsarbeitslager am Dessauer Ufer und hatten vorher in anderen Unternehmen arbeiten müssen.

Das 1887/1888 erbaute Gebäude steht heute unter Denkmalschutz (Nr. 13705).
Die Gaststätte Carl Petersen in der Poolstraße 21/22
Seit 1936 befand sich im Erdgeschoss der Poolstraße 20/21 die Gaststätte von Carl Petersen. Aus ihnen wurden in Hamburg während des 2. Weltkrieges häufiger Zwangsarbeitslager.

Woher kamen die Menschen?
Die Menschen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und mussten in Deutschland arbeiten. Sie kamen vor allem aus den von Deutschland 1940 überfallen und besetzten Ländern Frankreich, den Niederlanden und Belgien.
Ab Februar 1943 kamen in größerem Umfang die ersten Niederländer, ab Sommer 1943 viele französische Zwangsarbeiter in die Poolstraße 21/22. In der Regel lebten sie fast alle vorher in anderen Lagern. So kam eine Gruppe aus Hannover, wo sie in einem Brotwaren-Betrieb oder den Sichel-Werken arbeiten mussten. Dies war eine chemische Fabrik, die sich primär auf die Herstellung von pflanzlichen Klebstoffen, Bindemitteln und Leimen spezialisiert hatte. Vereinzelt kamen sie direkt aus ihren Heimatorten. Einzelne kamen auch aus dem Zwangsarbeitslager in der Schule Poolstraße/Bäckerbreitergang 72, im Hinterhof der Poolstraße 18 und der heutigen Tempel-Ruine. Ab Dezember 1944 kamen insgesamt noch 18 italienische Militärinternierte in die Poolstraße 21/22.
Die Zwangsarbeiter waren in der NS-Zeit im Viertel auf dem Weg zur oder von der Arbeit für die gesamte Nachbarschaft ab 1943 täglich sichtbar. Sie lebten in den Lagern wie in der Poolstraße 20/21, in der Schule Bäckerbreitergang 72, in der Neustädter Straße 31/32, am Großneumarkt 50/51, den Kohlhöfen 32. Es war das offensichtlichste NS-Verbrechen.
Für wen mussten die Menschen arbeiten?
Sie mussten für verschiedene Unternehmen arbeiten. Die meisten waren beim „Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg“, als Schlachter oder Bäcker.

Drei der IMI arbeiteten für den „Versorgungsring“. Piero Lucarni und Gugliamo Motroni kamen Ende Februar 1945 ins Lager, sie arbeiteten vorher für andere Unternehmen in Hamburg. Guiseppe Gubinelli war bereits seit Oktober 1944 beim Versorgungsring als Schlachter in der Fleischwarenfabrik in der Wendenstraße 375 tätig.

Die meisten anderen italienischen Militärinternierten wurden im Kohlehandel, so für Wilhelm Fromann der Poolstraße 1 oder bei Wilhelm Luchesi im Bäckerbreitergang 50 eingesetzt. Die Niederländer waren u.a. bei den deutschen Pentosin-Werken in der Großen Brunnenstraße oder Franzosen in der Allgemeine Telefon-Fabrik in der Fuhlentwiete.
Was war das „Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg“?
Heute prägen Edeka, Lidl, REWE und Aldi den deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Mit Beginn des 20. Jahrhundert entstand die Konsumgenossenschaft „Produktion“, ein Konsum-, Spar- und Bauverein der Arbeiterbewegung. Deren Mitgliederzahlen und die Anzahl der Verkaufsstellen wuchsen damals rasant. 1930 gab es in Hamburg 253 „Kolonialwarenläden“ (heute Lebensmittelgeschäfte), 92 Brotläden, 118 Fleischläden und weitere Spezialläden. Die Konsumgenossenschaft „Produktion“‘ baute eigene Produktionsbetriebe für Fleisch- und Fischwaren, verfügte über Bäckereibetriebe, Molkereien, Marzipan- fabriken, Kaffeeröstereien u.a.m. Mit dem Machtantritt der Nazi wurde das Genossenschaftswesen beendet und ins „Gemeinschaftwerk“ umbenannt. Der „Versorgungsring“ waren im Prinzip die alten Verkaufsstellen.
Felice Galliano kam im KZ ums Leben
Unter den Zwangsarbeitern in der Poolstraße 21/22 lebte Felice Galliano. Er wurde am 26. September 1908 in Buia in der italienischen Provinz Udine geboren. Im September 1943 kam er nach Hamburg. Ende Oktober 1944 wurde er verhaftet, kam ins KZ Neuengamme. Felice Galliano musste im Außenlager Lerbeck arbeiten. Er starb am 31. Dezember 1944 im KZ-Außenlager Lerbeck/Neesen.
Die Namen der italienischen Militärinternierten lt. Hausmeldekartei in der Poolstraße 21/22 (Namen nicht immer leserlich)
| 1 | Guiseppe | Gubinelli | 10.09.1915 | Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg |
| 2 | Piero | Lucarni | 22.12.1921 | Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg |
| 3 | Guglielmo | Motroni | 28.07.1922 | Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg |
| 4 | Andrea | (unleserlich) Frontello? | unleserlich 16.06.1904? | |
| 5 | Giuseppe | Gitti | 23.07.1923 | Kohlehandel Wilh. Fromann Poolstraße 1 |
| 6 | Angelo | (unleserlich) Mingole | unleserlich 06.01.1924? | * |
| 7 | unleserlich | unleserlich | unleserlich 25.12.1914? | * |
| 8 | Antonio | unleserlich | unleserlich 25.10.1917? | * |
| 9 | unleserlich | unleserlich | unleserlich | * |
| 10 | Piol | Transquillo | 10.10.1910 | * Kohlehandel Hermann Exner Marienstraße 12 |
| 11 | Battocelsio | Taroisio | 21.09.1918 | *Kohlehandel Hermann Exner Marienstraße 12 |
| 12 | unleserlich | unleserlich | unleserlich 05.03.1903 | * |
| 13 | unleserlich | unleserlich | unleserlich 12.04.1912 | * |
| 14 | unleserlich Bernado | unleserlich | unleserlich 21.08.1919 | |
| 15 | unleserlich | unleserlich | unleserlich | |
| 16 | Arturo | Zapalorti | 06.06.1911 | |
| 17 | Bonizzi | Alesandro | 28.03.1921 | Kohlehandel Reinh. Schiller Milchstraße 23 |
| 18 | Renato | Lebole | 24.09.1910 | Deutsche Pentosin Werke |
| 19 | Silvio | Poli | 04.02.1920 | *Kohlehandel Anna Gresser Brüderstraße 5 |
| 20 | Paolo | Peli | 12.10.1915 | Kohlehandel Wilhelm Lucchessi Bäckerbreitergang 50 |
| 21 | Aberni | Francesco | 25.03.1914 | *Kohlehandel Anna Gresser Brüderstraße 5 |
| 22 | Marco | Zonto | 23.05.1917 | *Kohlehandel Johann Berngruber Peterstraße 37 |
| 23 | Emilio | Casteletti | 12.01.1918 | Kohlehandel Josef Rogosenski Fürstenplatz 6 |
| 24 | unleserlich | unleserlich | unleserlich | * |
| 25 | Felice | Galliano | 26.09.1908 | Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg |
*am 13.12.1944 aus dem Dessauer Ufer in die Poolstraße 21/22