Wir trauern um Michele Montagano

Vergangenes Wochenende ist Michele Montagano, ehemaliger italienischer Militärinternierter und Alterspräsident der ANRP, in Campobasso gestorben. 

Unsere Gedanken sind in diesen Tagen bei seiner Familie, seinen Freund:innen sowie seinen langjährigen politischen Weggefährt: innen verschiedener italienischer Veteranen- und Überlebendenverbänden.

Michele Montagano, geboren 1921 in Casacalenda (Süditalien) studierte Jura in Rom, als er 1941 zur italienischen Armee eingezogen wurde. Er schlug die Offizierslaufbahn ein und kommandierte als Leutnant einen Stützpunkt im slowenisch-italienischen Grenzgebiet. Wenige Tage nach dem 8. September 1943, dem Tag der Verkündung des italienischen Waffenstillstandes mit den Alliierten, wurde Montagano mit seiner Truppe in Gradisca d’Isonzo von den Deutschen gefangengenommen. Michele Montagano verweigerte sich nun – wie hunderttausende italienische Militärangehörige – einer Kollaboration mit den Deutschen.

Als sogenannter italienischer Militärinternierter wurde er daraufhin in verschiedene Kriegsgefangenlager in den deutsch besetzten Gebieten Polens und der Sowjetunion überführt. 1944 kam er ins Stalag X B Sandbostel, später in das Oflag 83 Wietzendorf.

Nach der zwangsweise Überführung der Offiziere in den Zivilarbeiterstatus verweigerten er und 213 weitere Offiziereim Februar 1945 tagelang den Arbeitseinsatz auf einem Fliegerhorst. Die Gestapo nahm 21 Offiziere fest und drohte mit deren Erschießung. Nun boten sich Montagano und weitere Offiziere an, statt ihrer erschossen zu werden und erklärten, dass sie lieber sterben wollten als für die Deutschen zu arbeiten. Weil einige der Offiziere die Geste ihrer Kameraden nicht annahmen, drohte die Gestapo nunmehr 44 Offiziere zu erschießen. Ein quälendes Warten begann, während die Gestapo über ihr Schicksal entschied. Alle 44 Offiziere wurden nun als Strafmaßnahme in das Arbeitserziehungslager (AEL) Unterlüss überstellt. Schwerstarbeit, bitterer Hunger und tägliche Misshandlungen waren an der Tagesordnung, etliche seiner Kameraden überlebten das AEL Unterlüss nicht. 

Nach seiner Befreiung im April 1945 kehrte Montagano im September 1945 nach Italien zurück. Dort nahm er sein Studium wieder auf. Anfang der 50-er Jahre begann er als Angestellter bei einer Bank in Campobasso zu arbeiten undstieg dort bis zum Vizedirektor auf. Mitte der 50-er Jahre heiratete er Rosa Polisena. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Daniela und Angelo.

Seit Jahrzehnten war Michele Montagano in verschiedenen Veteranen- bzw. Überlebendenverbänden der ehemaligen italienischen Militärinternierten, wie beispielsweise& der ANRP und der ANEI, aktiv.

Hierbei setzte sich Michele Montagano – gemeinsam mit den Verbänden – für die gesellschaftliche Anerkennung des „Nein“ der italienischen Militärinternierten (IMI) zur Kollaborationals einen „ Widerstand ohne Waffen“ ein. Erst 1977 erhielten die ehemaligen Militärinternierten in Italien das Abzeichen der „Freiwilligen Kämpfer für die Freiheit“ als erste offizielle Würdigung ihres Widerstands.

Ab den 2000-er Jahren kämpfte Michele Montagano dann in Deutschland sowohl für einen würdigen Platz der IMI in der bundesdeutschen Erinnerungskultur als auch für eine Entschädigung der italienischen Militärinternierten als Zwangsarbeiter durch den deutschen Staat. 

Als langjähriger Vizepräsident der ANRP war er oft in Deutschland, sprach auf vielen Konferenzen und war in vielen Gedenkstätten zu Besuch. Zudem war er als Zeitzeuge bis ins hohe Alter auch an deutschen Schulen zu Gast, denn der Dialog mit Jugendlichen war ihm ein besonderes Anliegen. 

Sehr wichtig war für Michele Montagano bei all seinen politischen Aktivitäten für die italienischen Militärinterniertenimmer, dass nicht nur an die Leiden, sondern vor allem an die mutige Entscheidung der IMI erinnert wurde, an ihr „Nein“ zur Kollaboration mit den Nationalsozialisten und italienischen Faschisten der Republik von Salò. 

Als in Berlin 2016 die Ausstellung „Zwischen allen Stühlen. Die Geschichte der italienischen Militärinternierten 1943-1945″ feierlich in Anwesenheit des italienischen und deutschen Außenministers eröffnet wurde, betonte Montagano in seiner Rede als Ehrengast nochmals: „Wir inzwischen über 90-jährigen hoffen, dass die Nachgeborenen sich erinnern werden. Nicht weil wir gelitten haben, sondern weil wir ‚Nein‘ gesagt haben“.

Wir sind traurig. Diejenigen von uns, die ihn kennenlernen durften, sind dafür sehr dankbar. Michele Montagano trat für seine Überzeugungen ein: dies zeigen seine mutigen und vielfach riskanten Entscheidungen und Handlungen in den deutschen Lagern. 

Mit Michele Montagano haben wir nicht nur einen äußerst ;mutigen Menschen sowie einen zähen Mitstreiter für das Wachhalten der Erinnerung an die NS-Verbrechen verloren, sondern wir trauern auch um einen sehr liebenswerten und äußerst humorvollen Menschen.

Projektgruppe Italienische Militärinternierte in Hamburg

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