Weil sie „Nein“ gesagt haben– Kundgebung zur Erinnerung an die NS-Zwangsarbeitenden in der Jarrestadt bis 1945
Könnten Sie sich vorstellen, das jeden Tag Hunderte von Menschen durch die Jarrestadt, vor allem über die Jarrestraße, marschierten, begleitet und bewacht von der Wehrmacht? Auf ihrer Arbeitskleidung standen die Kennzeichen „P“ oder „OST“, andere trugen zerlumpte Armeeuniformen. Sie sahen ausgehungert aus, ihre Kleidung war in einem schlechten Zustand. Kaum jemand aus der Nachbarschaft nahm daran Anstoß.
Die meisten von ihnen mussten beim Rüstungsunternehmen Kampnagel in der Jarrestraße arbeiten. Die Menschen waren aus Frankreich, den Niederlanden, der Sowjetunion oder Italien nach Deutschland verschleppt worden. Andere von ihnen wurden auf dem Hinterhof der Barmbeker Straße 24/30 eingesetzt, wo sie bei Hugo Pfohe Wehrmachtsfahrzeuge reparieren mussten. Wieder andere marschierten unter Bewachung der Wehrmacht in Richtung U-Bahn Saarlandstraße zum Rüstungsunternehmen Heidenreich & Harbeck, das Rüstungsgüter produzierte. Im Hinterhof der Jarrestraße 52, bei der Wäscherei Wulff, mussten niederländische, belgische und griechische Frauen arbeiten. Sie alle waren NS-Zwangsarbeiter:innen, die in der Jarrestadt für die deutsche Rüstungswirtschaft oder die Wehrmacht arbeiten mussten.
Für uns ist heute kaum vorstellbar, dass bis 1945 rund eine halbe Million Menschen in Hamburg als Zwangsarbeitende eingesetzt wurden. Ohne ihre Arbeit wäre Hamburg in den Kriegsjahren zusammengebrochen. Auch wenn es auf den ersten Blick banal erscheinen mag: In der Jarrestraße 66 befand sich ein Depot der Stadtreinigung, in dem Zwangsarbeiter in der Müllabfuhr eingesetzt wurden. In Hamburg konnte die Müllabfuhr während des Krieges weitgehend nur durch ihren Einsatz aufrechterhalten werden.
Seit September 1943 wurden Tausende italienische Militärinternierte (IMI) in Hunderten Hamburger Betrieben als Zwangsarbeiter ausgebeutet. Bei Kampnagel in der Jarrestadt mussten 160 IMI arbeiten. Beim heute nicht mehr bestehenden Metallunternehmen Otto Schilling in der Jarrestraße 42 waren es 80 IMI. Beim Tiefbauunternehmen Heidtmann in der Jarrestraße 48/50 waren 15 IMI. In der damaligen Gaststätte Braubach in der Jarrestraße 27 befand sich ein Zwangsarbeitslager für Beschäftigte von Heidenreich & Harbeck. Das größte Lager für die Zwangsarbeitenden von Kampnagel lag am Poßmoorweg 46/50. Aber auch am Kaemmererufer, in der Barmbeker Straße, in der Forsmannstraße und am Moorfuhrtweg mussten italienische Militärinternierte arbeiten oder waren in Zwangsarbeitslagern untergebracht.
Die Lebensbedingungen dieser Menschen waren von Hunger und existenzieller Not geprägt. Ehemalige Zwangsarbeiter von Kampnagel berichteten, dass dem Brotmehl häufig minderwertiges Sägemehl oder Holzmehl beigemischt wurde. Luigi Di Lieto erzählte in seinem Tagebuch über die Zeit als Zwangsarbeiter bei Kampnagel dass sie sich als IMI vorgenommen hatten, „so viel wie möglich zu blockieren. Wir veranstalteten in der Fabrik eine Art Turnier für Faulenzer.” Dieser stille Widerstand blieb nicht ohne Folgen. Olivio Capri, ein IMI bei Otto Schilling in der Jarrestraße 42, wurde denunziert und in das sogenannte „Arbeitserziehungslager“ (AEL) Am Langen Morgen in Wilhelmsburg eingeliefert. Dort sollte er unter massivem Terror Arbeitsdisziplin „erlernen“. In diese Lager wurden Zwangsarbeiter für bis zu 56 Tage eingewiesen. Anschließend mussten sie entweder an ihren bisherigen Arbeitsplatz zurückkehren oder wurden in das KZ Neuengamme überstellt. Olivio Capri starb am 23. März 1945 im Arbeitserziehungslager.
Wir möchten Sie herzlich zu einer Kundgebung am 8. September 2026 vor Kampnagel an der Ecke Jarrestraße/Hertha-Feiner-Asmus-Stieg einladen. Am 8. September 1943 verkündete Italien nach dem Sturz Mussolinis den Waffenstillstand mit den Alliierten. Als Reaktion nahm die deutsche Wehrmacht die italienischen Soldaten gefangen. Rund 650.000 der mehr als 800.000 Gefangenen weigerten sich, an der Seite der Wehrmacht weiterzukämpfen. Sie wurden überwiegend nach Deutschland verschleppt und als Zwangsarbeiter eingesetzt. Weil Italien unter Mussolini zuvor Verbündeter des nationalsozialistischen Deutschlands gewesen war, galten diese Soldaten den Nationalsozialisten als „Verräter“. Sie wurden besonders schlecht behandelt – sowohl in den Lagern als auch bei der Arbeit. Zehntausende von ihnen überlebten Gefangenschaft und Zwangsarbeit nicht. Ihr „Nein“ zum Dienst für die Wehrmacht war ein Akt des Widerstands. An diesen Mut und an das Schicksal aller NS-Zwangsarbeitenden möchten wir mit unserer Kundgebung erinnern.
Zur Kundgebung laden Sie ein: Jarrestadt-Archiv; Projektgruppe italienische Militärinternierte; die Abgeordneten der Bezirksversammlung Hamburg-Nord: Wiebke Fuchs, Kevin Vollbrich – zugewähter Bürger (Linke), Antje Berg Nettelbeck, Dr. Jörg Bormann, Jan David Talleur, (alle VOLT), Katharina Fischer-Zernin, Thorsten Schmidt, (beide Grüne); SPD Kreisvorstand Hamburg-Nord; Stadtteilgruppe Die Linke Winterhude,
