Jarrestraße 40/42 – ein Ort der NS-Zwangsarbeit in der Jarrestadt, das Unternehmen Otto Schilling

Die Häuser Jarrestraße 40/42 gehörten seit 1938 dem Hamburger Unternehmen Otto Schilling. Es betrieb einen Metallgroßhandel sowie einen Zerlegebetrieb für Kabel in Steinwerder am Roßdamm 32. Heute stehen dort die Pfeiler der Köhlbrandbrücke.

Beteiligung von Otto Schilling am Raub jüdischen Eigentums Jarrestraße 40/42

Otto Schilling erwarb die beiden Häuser 40/42 damals für 60.000 Reichsmark. Auf dem Grundstück Jarrestraße 38 befand sich kein Gebäude. Die früheren Eigentümer der  40/42, die Familie Mankiewicz, hatten zum Bau der Häuser zwei Hypotheken aufgenommen. Eine davon in Höhe von 60.000 Reichsmark war von einem jüdischen Unternehmen finanziert worden. Die Erbin Marie Louise Mankiewicz war mit Ernst Spiegelberg, einem jüdischen Mitinhaber der Warburg-Bank, verheiratet. Der Familie konnte mit ihren Kindern Irene, Maja und Ivonne noch rechtzeitig vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen. Mit dem Verkaufserlös wurde eine der beiden Hypotheken abgelöst. Die sogenannte „Warburg-Bank -Hypothek“ wurde dem jüdischen Gläubiger faktisch geraubt.

Otto Schilling profitierte unmittelbar von der antisemitischen Enteignung jüdischen Eigentums. Sie wurden 1938 gezwungen, ihre Unternehmen und Immobilien weit unter Wert zu verkaufen. Der Erlös stand ihnen nicht zur Verfügung. Die antisemitische Ideologie des NS-Regimes erklärte sie zu Menschen, die aus Deutschland verdrängt werden sollten. Dafür schuf der Staat eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen. Den Erwerbern jüdischen Eigentums war bewusst, unter welchen Bedingungen sie diese Vermögenswerte kauften – und dass sie diese zu besonders günstigen Preisen erhielten.

Einsatz von Gefängnisinsassen aus Fuhlsbüttel

Otto Schilling war nicht nur Profiteur der Verfolgung und Enteignung jüdischer Menschen. Sein Betrieb war in die Gewinnung von Metallen für die deutsche Rüstungswirtschaft eingebunden. Auf dem Lagerplatz am Roßdamm 32 wurden alte Kabel sowie ausgemusterte Nachrichtengeräte der Marine zerlegt, um kriegswichtige Buntmetalle und andere Rohstoffe zurückzugewinnen. Für diese Arbeiten setzte das Unternehmen Gefängnisinsassen aus dem Strafgefängnis Fuhlsbüttel sowie Zwangsarbeiter aus Italien ein. Belegt ist, dass sich Otto Schilling im Februar 1943 an das Arbeitsamt wandte und die Zuweisung von drei Arbeitern mit Branchenkenntnissen verlangte. Sie sollten die eingesetzten Strafgefangenen anlernen und die anfallenden Altmetalle sortieren.

Italienische Militärinternierte bei Otto Schilling

Ab Oktober 1943 setzte Otto Schilling am Roßdamm 76 italienische Militärinternierte (IMI) ein. Dabei handelte es sich um italienische Soldaten, die nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten vom 8. September 1943 von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen worden waren. Rund 830.000 italienische Soldaten gerieten so in deutsche Gefangenschaft. Wer sich weigerte, weiter für Deutschland Krieg zu führen, wurde als Zwangsarbeiter verschleppt. Rund 650.000 Soldaten sagten „Nein“. In Hamburg wurden von Oktober 1943 bis Mai 1945 etwa 20.000 italienische Militärinternierte in mehr als 600 Betrieben eingesetzt. Hitler ließ sie bewusst als „Militärinternierte“ einstufen, um sie nicht nach den Bestimmungen des Völkerrechts über Kriegsgefangene behandeln zu müssen.

Olivio Capri im „Arbeitserziehungslager“

Einer dieser Männer war Olivio Capri. Er wurde am 29. August 1915 geboren und war Beamter. Am 7. November 1944 wurde er bei Otto Schilling „entlassen“. Tatsächlich bedeutete dies, dass er denunziert und anschließend in das „Arbeits- erziehungslager“ (AEL) Langer Morgen in Wilhelmsburg eingewiesen wurde. In „seiner“ Ausländerkartei ist zu lesen, dass er am 7. November 1944 verhaftet wurde und am gleichen Tag in ein Lager kam.

Die Gestapo inhaftierte im AEL ab April 1943 insgesamt rund 5.000 Menschen, denen Verstöße gegen Arbeitsvorschriften, Arbeitsverweigerung oder „renitentes Verhalten“ vorgeworfen wurden. Die Gefangenen mussten unter extremen und unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit in Betrieben des Hamburger Hafens leisten. Die brutale Behandlung und der Terror im Lager sollte abschreckend wirken und andere Zwangsarbeiter einschüchtern. Das Lager unterstand der Gestapo-Leitstelle Hamburg. Es war zwar für kurze Haftzeiten vorgesehen, endete für viele Gefangene jedoch tödlich. Olivio Capri gehörte zu den italienischen Militärinternierten, die im Arbeitserziehungslager ums Leben kamen. Er starb dort am 22. März 1945.

Bei Kampnagel in der Jarrestraße 10/32 arbeiten rund 800 NS-Zwangsarbeiter:innen, davon über 150 IMI. In der Jarrestraße 48/50 war der Sitz vom Tiefbau-Unternehmen Friedrich Heidtmann. Es beschäftigte 24 IMI. Ihr Lager war in der Schule Sorbenstraße (Hamm) bzw. in Harburg. In der Jarrestraße 52 war die Wäscherei Wulff. Deren Produktion hätte nicht funktioniert, wenn das Unternehmen nicht rund 30 Zwangsarbeiterinnen ausgebeutet hätte. In der Jarrestraße 66 war ein Zwangsarbeitslager der Stadtreinigung für IMI, in der Jarrestraße 27 war ein Lager für insgesamt Zwangsarbeiter aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien von Heidenreich & Harbeck. Jeden Tag gingen hunderte von ihnen durch die Jarrestraße und alle in der Straße haben sie gesehen.

VornameNamegeboren am geboren in
1CesaereAzzan14.03.1914Cesarolo
2SilvioBartaccione09.01.1918Siripula
3PietroBaselli31.03.1921Villa d’Ognia
4CosimoBattista13.07.1924Castellaneta
5BrunoBattistelli26.12.1915Caglo
6CelestinoBocchialini10.05.1912Parma
7GaetanoCalabrese30.05.1921Troina
8CesidioCambesi08.06.1924Trasaccho
9MarioCannistraro29.08.1915Palermo
10OlivioCapri29.08.1915Vallorba
11MaurinoCarlaccini14.05.1924Orte
12QuintilioCasaglia22.12.1919Grosseto
13Guiseppe Casali26.11.1923Levizzanne
14AgostinoCazzaniga27.11.1919Villa Santa
15ErnestoColaiuta01.01.1924Tornisparti
16PiorinoCristina26.01.1918Robbio Lomallina
17CesareCristofalo13.05.1905Catanzaro
18DomenicoD’Amico04.01.1919Messina
19LinoDal Tin09.08.1921Cedevigo
20GiovanniDi Fini22.12.1924San Benedetto de Marsi
21GuiseppeDe Leo20.07.1920Ortanova
22GiuseppeDi Fini30.01.1918Cesaro
23GiovanniDi Fini22.12.1924San Benedetto de Marsi
24AttilioDonati16.11.1923Villafranca Loneggiane
25GiuseppeElia12.05.1924Parlomonto
26AlfredoFerrari24.08.1917Modena
27MarioForza03.09.1917Corbola
28PasqualeGallo09.10.1910Torre Annunziatta
29GiuseppeGardella31.12.1911Nerone
30BrunoGasparini06.05.1912Gorizia
31JulioGattone30.11.1922Valdonizza
32EnricoGhinato04.12.1923Genua
33PasqualeGiubilo19.10.1921Boston
34AngeloGobbi25.01.1924Arena
35ItaloGrandesso16.12.1916Venedig
36PietroGrasziani02.11.1918Lugo Vicenza
37AurelioGreppi20.03.1921Civitella di Romania
38AntonioLatini08.05.1920Fiugi
39GelindoLionello17.08.1913Venedig
40AthosLusolo25.03.1924Levizzane
41EnnioMannino02.01.1923Bastia Umbra
42ManiloMaritan01.08.1924Romcaglia
43ErminoMasa27.07.1924Bolio in Monte
44GenaroMiele03.04.1921Neapel
45MicheleMongioi06.05.1921Cerani
46OrlandoMosca02.11.1921Luco de Marsi
47GiuseppeNaldi23.09.1923Codigoro
48MarioNatale06.12.1924Sulmona
49GuidoNeri18.06.1923Seraglio
50EvaristoOrisio02.08.1922Chazzago San Martino
51GiuseppePaladini02.12.1916Levizzano
52GerardoPardi30.07.1922San Benedetto Po
53GiovanniPavanatti28.10.1910Codigoro
54MarioPeraro04.08.1921Codevigo
55GiuseppePicconi30.08.1924Abbadia San Salvatore
56GiacomoPolacci21.02.1919Aqua Ria
57CarloPompermaier08.11.1922Trento
58GiovanniPregnolato02.03.1915Contarina
59MatteoQuartarone22.09.1921Catania
60EmilioRidoni19.06.1913Robbio
61EmanueleRizza08.03.1898Canicatini Bagni
62SalvatoreRomeo11.11.1911Reggio Calabria
63ArmandoSacchi11.09.1924Soriano Nelcimino
64GiuseppeSartori16.11.1914Cornolo
65VincenzeScaglione28.01.1922Reggio Calabria
66GiuseppeSeminari14.02.1921Casal Pusterlengo
67ErasmoSforza29.02.1924Apiro
68OttavioSimoni06.04.1923San Pelegrino
69DomenicoSmargiassi16.05.1918Istonio
70SalvatoreSolinas23.12.1921Nugedu San Nicolo
71GiuseppeTeneggi07.01.1924Levizzano
72AdelmoTurrini10.05.1910Firenzuala
73SalvatoreVecchi28.09.1924Caprarola
74IsidoreVeccgiato13.05.1911Santa Maria di Sarla
75AngeloVizzacchero09.12.1915Santa Elia Fiume Rapido
76DomenicoZanelli14.01.1920Castellino

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