Die Diskussion unter den Ex-IMI zur Zukunft Italien im Juli 1945 im DP-Camp Poßmoorweg

Zu den beeindruckendsten Dokumenten über die Haltung der ehemaligen italienischen Militärinternierten nach der Befreiung Hamburgs am 3. Mai 1945 gehörte eine Zeitschrift der italienischen Militärinternierten auf dem DP Camp im Poßmoorweg vom 15. Juli 1945. Es handelte sich dabei um die Ausgabe Nr. 2. Die erste Ausgabe ist leider nicht bekannt.

Der Titel lautet „IL 25“, was die Bezeichnung für das ehemalige „DAF-Gemeinschaftslager Poßmoorweg“ nach der Befreiung war. Es befand sich weiterhin am Poßmoorweg 46/50. Die Nummer des Lagers (25)  wurde später auch schon mal als Hausnummer des Lagers im Poßmoorweg interpretiert.

Es dürfte die letzte Ausgabe der Ex-IMI aus dem Lager gewesen sein. Von Juni bis August 1945 fuhren die italienischen Soldaten über den Dammtorbahnhof nach Hause. Auf der Jungiuswiese, heute das Messegelände und Teile von Planten & Blomen, war ein riesiger Barackenlager (ursprünglich zuerst für Blohm & Voss). Nach 1945 fuhren als erstes die sowjetischen Menschen über das „DP-Camp Zoo“ im Mai und Juni 1945 nach Hause, danach folgten die italienischen Soldaten.

Ende des Faschismus in Italien und die Frage nach dem Neuanfang

Die Texte reflektieren eine tiefgreifende politische Neuorientierung nach dem Ende des Faschismus.

Im Leitartikel „Die Konzeption des demokratischen Staates“ auf den ersten beiden Seiten schrieb der Autor (nigar): „Nun, da Faschismus und Nationalsozialismus endgültig aus Europa ausgerottet wurden, können wir erkennen, wie falsch und abscheulich die Vorstellung vom Staat in einem totalitären Regime war. Der Staat wurde als etwas angesehen,… dem das Individuum unterworfen war und dem es dienen musste, um ihn zu stärken und groß zu machen. Die Formel Mussolinis, dass alles im Staat enthalten sein müsse und nichts außerhalb davon, war eine implizite Feststellung, dass das Individuum als Persönlichkeit nicht autonom war, sondern vollständig dem Staat unterworfen war… Jeder musste die Anweisungen befolgen, die ihm auferlegt wurden, von den staatlichen Organen, die ausschließlich von dem einen Mann beherrscht wurden, der über Leben und Tod von Millionen von Menschen verfügte. …

Wenn sich der Bürger auf das kodifizierte Recht stützt, muss ihm die Freiheit gelassen werden, so zu handeln und zu denken, wie er es für richtig hält, seinem Leben eine Richtung zu geben, anstatt ihm eine vorzugeben. Andernfalls verfehlt der Staat seine Aufgabe als nützliche Institution zur Koordination der Aktivitäten und zur Verbesserung der Gesellschaft selbst; stattdessen wird er zu einem Polizeistaat, in dem es keine persönliche Freiheit gibt, in dem der Staat selbst bestimmte Willensregime auferlegt, die den Menschen zu einem Automaten und einer Marionette machen.“

Neben Abhandlungen zur internationalen Diplomatie, der Gründung der Vereinten Nationen und den geopolitischen Interessen Russlands enthält das Blatt Berichte über das Lagerleben. Dazu gehörten Schilderungen sportlicher Wettkämpfe gegen britische Soldaten sowie literarische Skizzen, die die Sehnsucht und das Leid der Gefangenen thematisieren. 

Suche nach Orientierung

Nachdem die Internierten jahrelang von ihrer Heimat abgeschnitten waren („lontani da anni dalla Patria“), spüren sie eine tiefe Verunsicherung angesichts der historischen Umbrüche in Europa. Der Beitrag „Dopo la prima di Granata“ beschreibt eindrücklich ein intellektuelles Erwachen im Lager: Die Männer haben nicht nur Hunger nach Brot, sondern ein unbändiges Bedürfnis, das „Dunkel der Unwissenheit zu vertreiben“. Sie suchen nach moralischen und geistigen Prinzipien, um sich bei ihrer Rückkehr in einer völlig veränderten Heimat zurechtzufinden und ihren Weg aktiv gestalten zu können.

Verantwortung für ein neues Italien übernehmen

Die ehemals Gefangenen betrachten ihre traumatische Zeit im Nationalsozialismus nicht als passive Opferrolle, sondern als einen seelischen Reifeprozess. Im Leitartikel „Crisi nazionale“ schreiben sie, dass sie während der „langen, eisigen und angstvollen Nächte im Lager“ eine „tiefe Katharsis“ durchlebt und von einem freien, starken Italien geträumt haben. Ihre bevorstehende Rückkehr ist untrennbar mit dem Willen verbunden, sich aktiv in die Politik einzubringen, damit ihre erlittenen Schmerzen und Opfer nicht umsonst gewesen sind („affinchè i nostri sacrifici, i nostri dolori non siano stati in vano“), sondern das moralische Fundament der neuen Republik bilden.

Nationale Achtung

Es herrscht das stolze Bewusstsein, dass das italienische Volk seine Ehre vor der Weltgemeinschaft selbst zurückerkämpft hat. Im Bericht über eine (UN)Konferenz von San Francisco wird wird davon gesprochen, dass Italien zwar eine dunkle Epoche des Faschismus hinter sich habe, seine Freiheit jedoch durch den Partisanenwiderstand im Inland und das unendliche Leid der Internierten im Ausland erfolgreich zurückerworben hat. 

Zwischen Traurigkeit und ungewisser Zukunft

Trotz aller politischer Aufbruchsstimmung bleibt die Seele der Männer gezeichnet. In einem Gedicht in der Publikation, „Bozzetti“ (Skizzen) liest man eine bleierne Müdigkeit und einen stillen Schmerz: Sie zeichnen das Bild eines Mannes mit erloschenen Augen und müdem Schritt im Morgengrauen oder eines Mannes, der verzerrt im Sand liegt, während eine Fliege über seine Lippe läuft. Es ist die spürbare Erschöpfung einer Generation, die den harten Übergang von der Zwangsarbeit zur Freiheit erst noch seelisch verarbeiten muss.

Hier die Ausgabe zum durchblättern als pdf

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