Rede von Maria Di Pino am 23. September 2026

Eine kleine Stadt nicht so entfernt von del Mittelpunkt von Venetien, am Ende des Tals des Flusses Brenta, einer der wichtigsten Verbindungslinien zwischen der deutschen und der italienischen Welt, eingeschlossen zwischen zwei Gebirgszügen, der Hochebene der Sieben Gemeinden auf der einen Seite und dem Grappa-Massiv auf der anderen. Diese Stadt ist Bassano del Grappa, am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Schauplatz großer Massaker während des Ersten Weltkriegs, und nach dreißig Jahren noch einmal Schauplatz eines der grausamsten Massaker, das im September 1944 von der Nazi-Armee in Zusammenarbeit mit der Armee von Mussolinis Italienischer Sozialrepublik verübt wurde: das Massaker vom Grappa. Dutzende von jungen Männern, die von den nationalsozialistischen und faschistischen Kräften gefangen genommen und Ende September 1944 in allen Dörfern an den Hängen des Berges erhängt wurden – ein Massaker, das in der öffentlichen Erhängung von 31 Partisanen in den Hauptstraßen von Bassano gipfelte.

Hunderte von jungen, Männern und Frauen, hatten es vorgezogen, den Weg in die Berge zu fahren, was für Bassano vor allem den Weg zum Grappa bedeutete, um nicht in der kollaborierenden Armee des wiederauferstandenen Faschismus dienen zu müssen, die von einem Mussolini den Befehlen Hitlers nun völlig hörig geführt war. Diese jungen, Männer und Frauen, riefen die verschiedenen Verbände der Befreiungsarmee in Verbindung mit dem Nationalen Befreiungskomitee ins Leben, das in dem von den anglo-amerikanischen Alliierten befreiten Teil Italiens operierte. Als sie gezwungen wurden, die Wahl zwischen der Zusammenarbeit mit dem Invasoren und deren Verweigerung zu treffen, fügten diese Jungen, die in die Berge gingen, der Weigerung zur Zusammenarbeit den Willen hinzu, sich dem ehemaligen Verbündeten des faschistischen Italiens in einem von Mussolini gewollten verheerenden Krieg mit Gewalt zu widersetzen.

Die jungen Italiener, die auf das Grappa-Massiv stiegen und für die Republik von Salò Deserteure waren, wurden in ihren Gewiss Freiheitskämpfer, weil sie in vollem Bewusstsein eine Entscheidung getroffen hatten, die mehr als eine politische Wahl war. Sie war eine moralische Entscheidung. Sie waren bereit, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen und es sogar zu opfern, damit die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit über Unterdrückung, Hierarchie und die Feindseligkeit zwischen den Völkern triumphieren. Sie hätten versuchen können, sich zu verstecken, aber dadurch hätten sie nicht das Fundament der Zukunft gelegt. Auf diesen Idealen, für die sie ihr Leben opferten, wollten sie ein Europa gründen, in dem die verschiedenen Völker nicht mehr durch Hassideologien dazu verleitet werden, Krieg gegeneinander zu führen, sondern in Eintracht und für das gemeinsame Wohl zusammenzuleben.

Unter jenen Deserteuren, die für einen zukünftigen Frieden kämpften, den wir, heute hier anwesend, lange Zeit genießen durften – ein Frieden, der die außerordentliche kulturelle, wirtschaftliche und soziale Entwicklung Europas hervorgebracht hat und der jetzt durch einen schleichenden, auf verschiedene Weise artikulierten und hinter Rufen nach nicht näher spezifizierten „Verteidigungen der Identität“ maskierten Neofaschismus bedroht wird, welcher die gesamte populistische Rechte durchzieht, die die Demokratie bedroht –, unter jenen Deserteuren, wie wir sagten, befanden sich auch deutsche Soldaten wie Justus Friedrichs, die sich weigerten, für die Armee ihres Vaterlandes zu kämpfen, und die Entscheidung für Freiheit und Gleichheit mit ihrem Leben bezahlten. Friedrichs verstand, dass das eigene Land nicht immer recht hat, dass von nationalistischem Hass verblendete Regierende die gesamte nationale Gemeinschaft in die Tragödie des Krieges stürzen, dass Nationalismus nicht Vaterlandsliebe ist und dass man sich ihren unheilvollen Entscheidungen im Namen von Idealen widersetzen muss, die einfach menschlich sind.

82 Jahre nach dem Massaker vom Grappa, dessen Opfer auch Justus Friedrichs selbst wurde, gedenken wir der Entscheidung, die er zusammen mit anderen jungen Italienern und Deutschen getroffen hat, und erweisen ihnen Ehre für das Opfer, das sie brachten, um den Boden fruchtbar zu machen, auf dem trotz vieler Schwierigkeiten eine unbestimmte, aber dauerhafte europäische Brüderlichkeit aufgebaut wurde. Wir sind nicht nur Zeugen dieser Brüderlichkeit, sondern auch aktive Mitgestalter, damit diese Brüderlichkeit zu einer stärkeren Einheit wird, die den Frieden auf unserem Kontinent wiederherstellt und ihn in einer Welt verbreitet, in der sich die Winde des Krieges unterdessen in einen Sturm von Konflikten verwandelt haben. An diesen Sturm können und dürfen wir uns nicht gewöhnen – für uns selbst und für die anderen Generationen, insbesondere für diejenigen, die Europa und die Welt als ihr eigenes Zuhause befinden.

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